"Kinder müssen mit den Erwachsenen

viel Geduld haben"

 (Antoine de Saint-Exupéry)

In dieser Werbebroschüre (vermutlich 1976 herausgegeben; Slg. R. Boehm) äußert sich
Dr. med. Karg, Kinderarzt (tätig insbesondere im "Borntal") über

"KINDER IN BAD SACHSA"


Unterstützen Sie die Aufarbeitung der Misshandlungen der „Verschickungskinder“
z.B. durch Ihre Unterschrift für eine Petition, die durch den Verein
"Aufarbeitung und Erforschung Kinderverschickung" angeregt worden ist
(
Vorsitzende: Anja Röhl, www.verschickungsheime.de)

Neuigkeit zur Petition   09.04.2025 

Unterstützen Sie die Aufarbeitung der Misshandlungen der „Verschickungskinder“

Aufarbeitung der Kinderverschickungen ist Teil des Regierungsprogramms von CDU/CSU und SPD

Anja RöhlBerlin, Deutschland
 

09.04.2025

Liebe Verschickungskinder, liebe Interessierte,

soeben wurde in der Pressekonferenz der Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD vorgestellt. Wir haben es geschafft: Unsere Forderung nach Aufarbeitung der Kinderverschickungen ist Teil des Regierungsprogramms geworden und unser Anliegen klar benannt. In Zeile 3212/3 heißt es wörtlich:

"Wir unterstützen die Aufarbeitung der Misshandlungen von Kindern bei Kuraufenthalten zwischen 1950 und 1990 durch die 'Initiative Verschickungskinder'."

Damit ist für uns, die Initiative Verschickungskinder, nach sechs Jahren ein großer Schritt gelungen: Endlich bekennt sich auch die Bundesregierung zu ihrer Verantwortung für die Geschehnisse und die notwendige Aufarbeitung.

Wir möchten uns ausdrücklich bei den Mitgliedern von CDU/CSU und SPD in der AG "Familie, Frauen, Jugend, Senioren und Demokratie" bedanken, dass wir jetzt eine Chance erhalten, die Aufarbeitung der Kinderverschickungen auf Bundesebene wirklich voranzubringen. In den nächsten Monaten werden wir das Gespräch mit der neuen Bundesregierung suchen, um geeignete Wege zur Umsetzung zu finden.

Das ist ein großer Schritt für den Kinderschutz in Deutschland, und es ist ein wichtiges Zeichen für die Betroffenen. Endlich werden wir gehört, endlich wird uns geglaubt!

Voll Freude und Zuversicht grüßen euch sehr herzlich eure
Anja Röhl, Christiane Dienel, Ilona Yim und Uwe Rüddenklau 

[persönliche Anmerkung Ralph Boehm: Wir hoffen auf die Umsetzung!]

KINDERHEIME

in Bad Sachsa



"Kinderverschickung war die Hölle. Wer immer behauptet, dass alle Verschickungen ein Erholungsurlaub für die kleinen war, begeht das Verbrechen noch einmal!". 

Auszüge einer Diskussion auf Facebook im März 2021

(unvollständig):

A: "Kann einer was über die Zustände in Kinderheimen [in Bad Sachsa] in den 50iger bis 80er Jahren erzählen? Ich habe einige Tatsachenberichte gelesen und wenn nur die Hälfte war ist, musste das ja erbärmlich gewesen sein...".

 

B: "Diese Zustände gab es in fast allen Kinderheimen in Deutschland. Ich war über den Bund der Kinderreichen Familien 1960 zur Kinderverschickung an der Ostsee in Kellinghusen. Es war dort genauso, wie in der Reportage gezeigt.
Die Sachsaer Kinder kamen nach Lübeck Brodten oder Kellenhusen. Mich hat man mehrmals bestraft, weil ich morgens den Haferschleim nicht gegessen habe usw".

C: "Ähnlich schlechte Erfahrungen im Solling 1964 gemacht".

D: "1956 im Kinderheim Brodten an der Ostsee. Aus heutiger Sicht muss man so einiges kriminell nennen, was dort geschah. Dr. Loch hatte es empfohlen. Ich fuhr in einer Rotes Kreuz-Gruppe dorthin und sollte mich während vier Wochen erholen. Ich kam richtig krank zurück und musste mich in Bad Sachsa erholen!". 

E: "Es ist nicht schön, was so alles geschrieben wird. Ich bin in einem Kinderkurheim aufgewachsen. Meine Eltern würden sich sehr grämen, wenn sie dieses alles mitbekommen hätten. Das Kurheim was das Lebenswerk  von Herrn und Frau Kern. Das Wohl der Kinder stand immer an erster Stelle und vor ihrem eigenen. ich habe noch viele Briefe von ehemaligen Kurkindern, die sehr gerne in Bad Sachsa waren und häufig zu Besuch kamen, oder zum erneuten Kuraufenthalt. Im Bezug zum HAUS KERN kann ich solche Vorwürfe nicht bestätigen!".

F: "Wibke Bruns berichtet anderes aus Bad Sachsa. (Foto 1: Wilbke Bruhns, Nachrichtenzeit, Meine unfertigen Erinnerungen, Diogenes, Foto 2: ...Außererdem war es gut, die anderen kennenzulernen. Viele von denen waren in Bad Sachsa gewesen, wohin die Nazis Kinder der Attentäter nach dem 20. Julie entführt hatten")...

G: "Ging es hierbei nicht um das Borntal?".

H: "Aus meiner Sicht sollte man die Themen ein wenig sortieren in 1) Kinder des 20. Juli und 2) Heimunterbringung in den Nachkriegsjahren...
...Zu 1) den Kindern des 20. Juli. Diese Kinder, zwischen wenigen Wochen und 15 Jahren alt, wurden ihren Familien entrissen, um sie als Faustpfand gegenüber ihren Eltern, insbesondere den Attentätern des 20. Juli, zu mißbrauchen, um insbesondere weitere Beteiligte und Strukturen zu erpressen. Einfach nur widerlich! Desweiteren wurden die nach Bad Sachsa verschleppten Geschwister von einander getrennt und ihnen neue Namen verpasst, denn Unsere wahre Identität sollte vernichtet werden (so der Buchtitel, hier bei der Tourist-Info für 5 Euro zu bekommen!!!, der die Thematik umfassend behandelt - und wer schon mal in der Tourist-Info ist, kann ja auch gleich die dortige Gedenk-Ausstellung besuchen, um sich zu informieren). Dieses Schicksal dieser Kinder prägt sie zeitlebens und ist grausam gewesen: von den Eltern getrennt, nicht wissend, wie es diesen geht - ob sie noch leben? etc... Körperliche Grausamkeiten hingegen sind ihnen NICHT angetan worden. Von all den 46 Kindern, mit denen ich habe sprechen können und die Schriftliches veröffentlicht haben, spricht lediglich ein Mädchen davon, daß sie schlecht behandelt worden sei - führt das aber nicht aus. In der Gedenk-Ausstellung in der Tourist-Info Bad Sachsa kann man nicht nur die Lebensläufe der Kinder sondern auch das Tagebuch der Christa von Hofacker, welches sich eben genau mit der Sachsaer Zeit beschäftigt, nachlesen. --- Zum Personal im Borntal: in der Anfangszeit ist offensichtliche eine sehr strenge Schwester federführend gewesen, die aber alsbald abgelöst wurde. In den letzten Monaten vor Kriegsende war Frau Ferch die entscheidende Person, die sich um die verbliebenen Kinder (manche wurden nicht mehr als Druckmaterial gebraucht) gekümmert und eingesetzt hat! Diese Frau Ferch hat mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, den Kindern ein Überleben zu ermöglichen - auch und besonders gegenüber den Vorgesetzten!!! Und genau diese Frau Ferch hat der von den Amerikanern eingesetzte Bürgermeister Willi Müller geheiratet. Dieses SPD-Mitglied, welches unter den Nazis sein Haus und seine Arbeit verloren hatte, welches im Rahmen der Verfolgung der Beteiligten am Attentat vom 20. Juli auf Hitler über kurze Zeit ins KZ Buchenwald gesteckt wurde war, dieses SPD-Mitglied hätte wohl kaum eine Nazi-Anhängerin und kindermisshandelnde Frau geheiratet!!! Zum heutigen Schluß dieser Stellungnahme der Satz, den Willi Müller 1945 am ersten Tag seines Amtes als Bürgermeister gegenüber den Kindern des 20. Juli sagte: ...ihr brauch Euch Eurer Namen und Väter nicht zu schämen - denn sie waren Helden!. Um zur selben Überzeugung zu kommen brauchte die BRD und die DDR zweieinhalb Jahrzehnte - und manche wissen bis heute nicht, was Anstand, Respekt und Charakterstärke sind! Ralph Boehm".

H: "zu 2) Der Heimverschickung nach Bad Sachsa nach dem Kriege: Im Stadtarchiv erreichen mich bedauerlicherweise regelmäßig Anfragen von ehemaligen Kindern, die in Bad Sachsa unter den Erziehungsmethoden der Nachkriegszeit - und das waren die Methoden der Vorkriegszeit!!! (bis in die 1970er Jahre hinein!!!) gelitten hatten! Dieses ist kein Ruhmesblatt der Bad Sachsaer Geschichte im Besonderen und der deutschen pädagogischen bzw. didaktischen Methoden im Allgemeinen. Auch hilft hier eine Verallgemeinerung in Bezug der hiesigen vielen Heime nicht weiter - die Erfahrungen sind von Heim zu Heim andere!!!! Einblicke und Aufschluß gibt der Blog https://blog.zeit.de/.../12/09/zeitsprung-bad-sachsa/.... und ganz aktuell insbesondere: http://www.anjaroehl.de/verschickungsheime/. Ralph Boehm".

J: Siehe "Zeitsprung: Bad Sachsa. Hier sind viele Tatsachenberichte geschrieben... Nicht nur Negative.... aber sehr viele!".

K: "Ich war 1957 in Bad Sachsa, glaube, es war das Haus Warteberg. Mein ganzes Leben habe ich diese schrecklichen Erinnerungen mit mir herumgetragen. Erst jetzt, mit fast siebzig Jahren, kann ich es aufarbeiten, weil es viele Andere gibt, die meine Bilder bestätigen".

H: "Es ist gut zu wissen, dass man/frau nicht allein ist!".

L: "Ich war zur Kinderverschickung Haus Kern 1986, es war die Hölle für mich, bin heut noch traumatisiert".

K: "Kinderverschickung war die Hölle. Wer immer behauptet, dass alle Verschickungen ein Erholungsurlaub für die kleinen war, begeht das Verbrechen noch einmal. Es sind viele tausend ehemalige Verschickungskinder, die bis heut unter dem Erlebten zu leiden haben. Es gibt Akten in den Landesarchiven, die Quälerei lässt sich nicht leugnen. Ich freue mich für die Wenigen, die Glück bei ihrer Verschickung hatten". 

 

Zu den diversen Kinderheimen nun im Einzelnen

(Die Fotos/Ansichtskarten etc. in dieser Rubrik sind aus der Slg. R. Boehm, Abweichungen werden besonders hervorgehoben) 

Kinderheim Sonnenschein

Drosselweg 3 (damals Waldsaumweg 2)
("Der Harz", März 1937)


Dieses Haus Sonnenschein war über viele Jahre bekannt durch seine, heute würden man/frau es als alternative Lebensweise bezeichnen, frühzeitige ganzheitliche Erholungsmöglichkeit unter Einbeziehung der guten Luft in Bad Sachsa, bester Ernährung durch Obst und Gemüse sowie Diätkuren.
Als Kinderheim der Inhaberin M. Voigt wird die "Einrichtung der Wohlfahrtspflege"

ausschließlich 1924 erwähnt; das "Haus Sonnenschein erhält Kinder zur dauernden Pflege, die Einschulung der Kinder in die hiesige Volksschule ist nicht erforderlich, da die Kinder im heim Privatunterricht erhalten."
(StABS 1,26,2)

Kinderheim Böttcher-Ramdohr

Glaseberg 3 (zwischenzeitlich als Tonburg 2 geführt)

1935 eröffnet die staatlich geprüfte Säuglings- und Kinderpflegerin Camilla Böttcher-Ramdohr ihr Kinderheim zur Aufnahme von Kindern von 2 bis 12 Jahren. Ärztliche Kontrolle wird durch Dr. Deimler gewährleistet. Die Preise betragen pro Tag zwischen 2.50 und 4 Reichsmark.
Bei einer Überprüfung der Konzession wird 1941 festgestellt, dass diese, das Heim wird seit 5 1/2 Jahren betrieben (!), nicht vorliegt - aber in 1942 erteilt wird.
Nach dem II. Weltkrieg betreibt Camilla Böttcher-Ramdohr, geboren am 10.11.1891 in Mendoza/Südamerika, mit einer selbst ausgebildeten Helferin dieses Heim mit durchschnittlich 6 bis 7 Kindern weiter bis Ende der 1960er Jahre. (StABS 471,01 + 471,02,03 + 1,26,2, Detlef Böttcher-Ramdohr 2017)

xxxxx

Prof. Dr. Alexander Nützenadel:
Verzeichnis der Kinderkurheime in der Bundesrepublik 1945-1989
(Berlin, 15. Mai 2025): 
Kinderheim Frau Camilla Bötticher-Rahmdohr
Früheste Erwähnung: 1956
Träger: Frau Camilla Bötticher-Rahmdohr
Trägertyp: Privat
Zielgruppe: Kinder von 2, 1/2 bis 12 Jahren
Bettenanzahl: 8
Leitungspersonal: Bötticher-Rahmdohr, Camilla
Quellen: Folberth 1956, S. 121

Berghotel Pfaffenberg mit Kindergenesungsheim Pfaffenberg

Pfaffenberg 6 (damals 18) 
(1949, AK: Slg. R. Boehm)


In der Nachkriegszeit fand in diesem Hotel 1947 keine Belegung mit Flüchtlingen statt, dafür hat das Sozialamt Göttingen hier 60 Betten zu Zwecken der Erholungsfürsorge vorgehalten. (StABS 471/01)

Haus Bergfrieden

Steinaer Straße 24
Die dunkle Zeit, insbesondere zur Zeit der Familie Fehrmann, wird zur Zeit auf Facebook angesprochen (2023-04/05)
 
"nach aussen gaben sich Fehrmanns als Ehrenleute - genau wie der Besitzer Doktor Wilhelm -, das Jugendamt Berlin schaute ab und an mal rein und wir hatten unter Strafandrohung den Mund zu halten und zu sagen, dass alles toll ist."
(Bernfried Noch, ca. 28. April 2023)

"Kindergenesungsheim Bergfrieden. Dr. Wilhelm, Facharzt für Kinderkrankheiten, 3423 Bad Sachsa/Südharz, Steinaer Strasse 24, Telefon 460"
(1964, AK: Slg. R. Boehm)

Die AOK des Landkreises Goslar (Sitz in Salzgitter) kauft das Anwesen des Fabrikanten Gustav Lohoff und begeht die Einweihung des Genesungsheimes Bergfrieden zum 15.01.1952 im Beisein des Verwaltungsdirektors Dittrich und dem für den Ausbau verantwortlichen Architekten Alfred Behnsen (BSN 17.2.1952).
Als Besitzer des Hauses Bergfrieden wird der Kinderarzt Dr. Fritz Wilhelm genannt (20.01.1955; StABS 471/01).


Wer wann für was auf diesem Gelände Verantwortung hat, ist nicht ganz einfach zu unter-
scheiden. Auf Facebook hat es Horst Verloren am 04.08.2023 so zusammengefaßt:


"Das Heim der Familie Fehrmann hieß : Bergheimat - dort lebten hauptsächlich Kinder aus gescheiterten Familien - diese Kinder gingen in Bad Sachsa auch zur Schule . Oberhalb der Bergheimat war der Bergfrieden (bestehend aus Sperlingslust und Falkenhorst) dort wechselten alle 6 Wochen die Kinder , die dort zur Kur waren . Das komplette Areal gehörte Dr. Wilhelm (Kinderarzt im Landkreis Osterode)"

In den 1960er Jahren führen der Inhaber Dr. med. Fritz Wilhelm, Facharzt für Kinderkrankheiten, das Haus gemeinsam mit seiner Gattin Liselotte Wilhelm, die für die Heimleitung verantwortlich zeichnet.
In den 1980er Jahren wird als Inhaberin Elke Schindler genannt; gleichzeitig heißt es, dass Frau Wilhelm nach dem Tod ihres Mannes in 1990 das Heim weiterführt bis 1992.
Zu dem Gelände gehören die Häuser "Spatzennest" und "Sperlingslust" (ab 1980 "Haus Peterle").
Nach vielen Jahren des Leerstandes brennt das Haus 2018 komplett nieder.
xxxxx

Prof. Dr. Alexander Nützenadel:
Verzeichnis der Kinderkurheime in der Bundesrepublik 1945-1989
(Berlin, 15. Mai 2025):
Genesungsheim "Bergfrieden"; Kindergenesungsheim Bergfrieden (1972)
Früheste Erwähnung: 1964
Träger: Dr. med. Fritz Wilhelm, Kinderfacharzt
Trägertyp: Privat
Vertragspartner: alle Kassen
Zielgruppe: Knaben und Mädchen von 5-18 Jahren
Bettenanzahl: 160-180; 100 (1972)
Leitungspersonal: Wilhelm, Dr. med. Fritz
Weitere Informationen: Mitglied Verband privater Kinderheime
Quellen: Folberth 1964, S. 158; Handbuch 1972, S. 425; Kurpläne LWL 1960/61-1967

Haus Bergfrieden

Steinaer Straße 24
(1960er, AK: Slg. R. Boehm)

"Guten Morgen Danke für diese Gruppe!
In frühen 1980er Jahren war ich mit rund 12 Jahren im Kinderkurheim Haus Bergfrieden!
Es ließ mir 40 Jahre keine Ruhe mehr es noch einmal zu sehen! Auf meinem Route 4 Roadtrip im Februar 2024 habe ich geschafft noch einmal auf das nicht abgesperrte Gelände zu kommen! Heute 02.10.2025 11:12 bis 12:00 Uhr bin ich wieder hier um meiner Verlobten einen Teil meines Lebens zu zeigen!

Das Gelände ist drumherum Sperrgebiet wegen Einsturzgefahr und angeblich kameraüberwacht! Wir haben das Flatterband nicht überschritten! Es war gut dass ich letztes Jahr hier war um das Heim noch mal zu sehen! Jetzt ist es von überall Sperrgebiet! Ein Teil des alten Dorfes ist dem Erdboden platt gemacht worden!
Jetzt ist der Geist in mir vom Heim begraben!
 

Michael Schriever
auf "Historisches Bad Sachsa"
(Text + 2 Fotos: Facebook 02.10.2025)

Kindergenesungsheim Bergfrieden (1960er, Prospekt, Slg. R. Boehm)

Offensichtlich parallel betrieb Liselotte Wilhelm auf dem selben Grundstück auch die Pension PETERLE

(25.5.1968, AK: Slg. R. Boehm 6265)

"... Ich habe das Zimmer vom 1.-12.6 fest vorgemerkt und hoffe, daß Sie sich bei uns recht wohl fühlen. Freundlichen Gruß. Frau L. Wilhelm"

Kinderheim Kern

Ringstraße 48 (damals Bahnhofstraße 12)
(1972, AK: Heike Aue-Markert)

1972 endet das Pachtverhältnis an der Walkenrieder Straße 1 [zur Vorgeschichte des Kinderheims Kern siehe dort] und das Kinderheim zieht um in die heutige Ringstr. 48. Bereits 1969 hatte das Ehepaar Kern dieses Anwesen gekauft und ab 1971 durch den Architekten Hansjochen Rößler den Neubau errichten lassen. Am 06. Juni 1972 wird das Kinderheim "Haus Kern" eröffnet.
2001 geht das Ehepaar in Ruhestand und verkauft im Anschluss das Gebäude an die AWO.

xxxxx
Prof. Dr. Alexander Nützenadel:
Verzeichnis der Kinderkurheime in der Bundesrepublik 1945-1989
(Berlin, 15. Mai 2025):
Kindererholungsheim "Haus Kern"
Früheste Erwähnung: 1964
Trägertyp: Privat
Zielgruppe: Knaben und Mädchen von 4-12 Jahren
Bettenanzahl: 50
Weitere Informationen: Mitglied Verband privater Kinderheime
Quellen: Folberth 1964, S. 158

  SIEMENS SCHUCKERTWERKE A.G.
Z.N. Köln
BAUBÜRO BAD SACHSA (HARZ)

Im Internet werden hinundwieder die Siemens Schuckertwerke als Betreiber eines Kinderheimes und oder Erholungsheimes in Bad Sachsa genannt. Bisher habe ich keinen vernünftigen Beleg finden können. Der Addressat dieses Briefes ist der Lehrer Stedtnitz, KLV-Lager Helenenstift in Carlsruhe O/S. bei Oppeln
Auch spricht der Absender von einem "BAUBÜRO".

Wer kann uns helfen???
(04.06.1942, Brief: Slg. R. Boehm)

Kinderheim Pfaffenberg (Schotte)

Pfaffenberg 19 (später wohl Haus Tanneck; dann wohl Buchenweg 2)

Bereits 1940 hat das Ehepaar Schotte im ehemaligen "Ev. Erholungsheim des Elisabeth-Stifts" (Prospekt 1932) ein Kinderheim geführt. Durch Denunziation wurde ihnen von der Erfurter Behörde die Konzession entzogen, die LVA Berlin pachtete das Heim, um weiter Kinder verschicken zu können. Auch 1946 ist das Heim an die Versicherungsanstalt Berlin verpachtet. Hiergegen richtet das Ehepaar Schotte am 1.7.1946 Beschwerde beim hiesigen Bürgermeister ein (StABS 471/02/6) - wohl ohne Erfolg, denn 1947 wird die Landesversicherungsanstalt Berlin, Ruhrstraße 2, als Betreiber von 30 Betten genannt, welches zu 60 % mit Flüchtlingen belegt wird (StABS 471/01).

Die folgenden drei Kinderheime stellen sich vor im 1950 erschienenen

"Blauer Harzführer mit Elm und Lappwald"
(E. Appelhans & Co., Braunschweig, März 1950)

Aller Anfang ist schwer! Der Weg hierher war nicht immer einfach für uns. Aber wir würden um keinen Preis der Welt etwas daran ändern. Unsere Erfahrungen haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind - und wir haben aus unseren Fehlern gelernt. Davon können Sie heute profitieren.

Kinderheim Lüding

(1962, AK, Quelle unbekannt)
Bahnhofstraße 54

Nach Umzug in (wohl) 1957 auf 1958 in die Bahnhofstraße 54 [zur Vorgeschichte des Kinderheims Lüding siehe Walkenrieder Str. 1] eröffnet die Jugendleiterin Charlotte Hanff das Kindererholungs- und Genesungsheim Lüding mit "8 Zi. m. Fließw., Bad im Hause" und 25 Betten (Prospekt 1958).
"Erst hatte Familie Hanff regiert. Man muss leider wirklich sagen regiert! Sie hat (nach 1965?) an die damalige Angestellte Frau Steinfels übergeben: streng aber ohne Gewalt und immer gerecht, hat sie vieles geändert".

Prof. Dr. Alexander Nützenadel:
Verzeichnis der Kinderkurheime in der Bundesrepublik 1945-1989
(Berlin, 15. Mai 2025):

Kinderkurheim Haus Lüding
Früheste Erwähnung: 1956
Träger: Charlotte Hauff; Frau Else Dross (1956)
Trägertyp: Privat
Vertragspartner: AOK (RVO)
Zielgruppe: Knaben von 3-10, Mädchen von 3-12; Knaben und Mädchen von 3-10 Jahren (1956)
Bettenanzahl: 25; 50 (1956)
Leitungspersonal: Hauff, Charlotte
Weitere Informationen: Mitglied Verband privater Kinderheime
Quellen: Folberth 1964, S. 158; Folberth 1956, S. 121

Kinder-Kurheim
"HAUS LÜDING"

Walkenrieder Straße 1 (inhaltlich siehe dort!), 1952

Kinderheim Krüsmann

Steinaer Straße 13

Bisher als Säuglingsheim  (siehe dort) der Frau Müller von der Lehr geführt, eröffnet Erika Krüsmann, geb. Kumnick, zum 1.4.1940 ein Kindererholungs-heim der Luftwaffe, in welchem ständig 27 Kinder von Angestellten und Arbeitern der Luftwaffe Aufnahme finden. Zum Jahresende 1943 erhält die Heimleiterin Krüsmann die Genehmigung, neben Kindern im Alter von 6 bis 14 Jahren auch Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren aufzunehmen.
1947, mit der Inneren Mission (vgl. Konsul Albert-Heim in der Gartenstraße 2) besteht ein Pachtvertrag, verfügt das Haus über 40 Betten, von denen 50 % von Flüchtlingen beansprucht werden
Auch 1951 ist Erika Krüsmann für das Evangelische Kinderkurheim für durchschnittlich 35 Kinder verantwortlich. 1958 bezeichnet man/frau sich selbst als "Ev. Kinderkurheim Krüsmann. Inh. Fr. E. Krüsmann, Wohlf.-Pfl., 12 Zimmer, 40 Betten, Zi. m. Fließw., Bad im Hause" (Prospekt).
(StABS 471/01 + 471/02/1).

(vermutlich Ende der 1920er Jahre, Prospekt: Slg. R. Boehm)

Kinderheim Krüsmann

(1959, AK)

(1932, Prospekt: Slg. R. Boehm)

Prof. Dr. Alexander Nützenadel:
Verzeichnis der Kinderkurheime in der Bundesrepublik 1945-1989
(Berlin, 15. Mai 2025): 

(Evang.) Kinderkurheim Krüsmann
Früheste Erwähnung: 1956
Träger: Frau Erika Krüsmann
Trägertyp: Privat
Zielgruppe: Knaben und Mädchen von 4-13 Jahren
Bettenanzahl: 40-45
Leitungspersonal: Krüsmann, Erika
Weitere Informationen: Mitglied Verband privater Kinderheime, evangelisch
Quellen: Folberth 1964, S. 158; Folberth 1956, S. 121

 

Abs. Lxxxx Vxxxxxx aus Bad Sachsa,

Steinaerstr. 13, Ev. 

(Kinderheim Krüsmann)
26.09.1956

 Haus Warteberg
Steinaer Straße 24

Haus Warteberg

(1952, AK)
Steinaer Straße 30

1938 wird der Hotelbetrieb eingestellt [zur Vor- und Nachgeschichte siehe bei der Steinaer Straße], stattdessen wird das Haus durch  Kinderland-verschickung belegt.
Um 1951 werden im Kinder-genesungsheim Warteberg durchschnittlich 125 Kinder betreut von 1 Jugendleiterin,  5 staatl. gepr. Kindergärtnerin-nen, 1 staatl. gepr. Kinder-pflegerin, 1 Helferin unausge-bildet, 1 Köchin, 6 Haus- und Küchengehilfinnen, 2 Tages-frauen für Wäscherei und Näherei, 1 Arbeiter für Landwirtschaft und Haus-mannsarbeiten, 1 Kranken-pflegerin nach Bedarf.
In dem Haus der Familie übernimmt nach dem Tod des Dr. med. Rudolf Köbrich die zweite Ehefrau 1952 - 1959 die Leitung des Kinder-genesungsheimes. Ab 1958 zeichnen die Köbrich-Erben Wolf und für 40 Zimmer, mit 140 Betten verantwortlich; die Eltern von Dr. Günter Köbrich Wolf und Ärztin Aksamenija übernehmen im Mai 1959 das Kinderkurheim (für Kinder von 4 bis 14 Jahren) und führen es bis zur Schließung im Dezember 1989. (StABS 471/01 + 471/02/5)

Eine Kinderpflegerin erinnert sich:

"Bad Sachsa 01.02.1962 - 31.03.1963

Dr. Köbrich holte mich vom Bahnhof mit einem Motorroller ab. Dann das Heim auf dem Berg. Von meinem Zimmer konnte ich auf Bad Sachsa schauen. Rund herum um das Haus Wiesen und Wälder. Ich fühlte mich sofort wohl. Wir waren 10 Kinderpflegerinnen oder -gärtnerinnen. Später kam noch eine supertüchtige Jugendleiterin dazu.
In der Küche hatten wir eine Köchin, die uns mit wirklich gutem Essen versorgte.
Mit den großen Kindern (ca. 14/16 Jahre alt) marschierten wir durch den Wald bis zur Zonengrenze. Auch eine Harzrundfahrt mit dem Bus wurde gemacht.
Mit den kleinen Kindern (ab ca. 4 Jahre) ging es in den Märchenwalt und zu den Greifvögeln.
Viele der Kinder kamen aus dem Ruhrgebiet und einige aus dem Raum Neumünster (Schleswig-Holstein).
Die Kinder kamen häufig aus kinderreichen oder ärmlichen Familien. Oft hatten sie nur 2 Paar Strümpfe für 6 Wochen mit und das im Winter. Das hieß für uns als Personal abens Strümpfe waschen (natürlich nach Feierabend).
Alle Eltern bekamen mitten in der Kur einen persönlichen Gruß von mir geschickt.
Bevor die Kur zu Ende ging, gab es mit den Kindern ein wunderschönes Abschiedsfeste.
Außerdem gab esin einen Abschiedsgruß, Fotos und das restliche Taschengeld zurück.
Ich hoffe von ganzem Herzen, dass die Kinder sich gut erholt haben und viel zu erzählen hatten.
Für mich war es eine unvergeßliche Zeit.
Inzwischen war ich einmal zur Kur in Bad Sachsa. Außerdem waren, mein Mann und ich, einmal als Abstecher von einem Harzurlaub, dort. Zu meiner Freude traf ich dann dort Dr. Köbrichs Schwiegertochter.
Zu meiner Erinnerung gehört auch noch meine Fahrschulzeit bein Herrn Merbitz..."

(05.11.2025, Brief. Slg. Ralph Boehm)

Abs. Peter xxxx, Bad Sachsa Südharz, Kinderheim Warteberg.
Liebe Oma.
Es ist sehr schön hier.
Die Fahrt hier her war auch sehr schön. Wir machen fast jeden Tag zwei Wanderungen. Grüße bitte auch unten alle.
Es grüßt dein Peter.

(01.7.1959, AK, vs [links], rs [oben], Slg. R. Boehm)

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Prof. Dr. Alexander Nützenadel:
Verzeichnis der Kinderkurheime in der Bundesrepublik 1945-1989
(Berlin, 15. Mai 2025):


Kindergenesungsheim Warteberg
Früheste Erwähnung: 1956
Träger: Wolf Köbrich; Dr. med. Rudolf Köbrich, Elfriede Köbrich (1954), Eheleute Köbrich (1960, 1968, 1986)
Trägertyp: Privat
Zielgruppe: Knaben und Mädchen von 3-14 Jahren
Verzeichnis der Kinderkurheime in der Bundesrepublik 1945-1989
196
Bettenanzahl: 125; 150 (1956); 110 (1972)
Leitungspersonal: Köbrich, Wolff; Köbrich, Aksa (Ärztliche Leitung, 1972)
Quellen: Folberth 1964, S. 158; Folberth 1956, S. 121; Handbuch 1972, S. 425; Kurpläne LWL 1949/50-1986

(30.09.1962, Vs- + Rs der AK: Slg. G. Angermüller)

"Liebe Mutti!             d. 29.9.62
Wir stehen jeden Morgen um 8 Uhr auf.
Dann ziehen wir uns an und waschen uns.
Dann machen wir die Betten und dann Kochen [über gestrichen] wir Kaffee.
Dann singen wir.
Dann gehen wier spielen oder gehen in die Berge.
die Karte ist gutt angekommen die du geschrieben hast
wir haben Gestern (grote) geduscht.
Viele Grüße dein Arno
"                  

Gruppenbild aus Oktober 1970 (Foto, Slg. R. Boehm)

(1977, 3 Fotos. Slg. Ralph Boehm)

Die Privatklinik "Haus im Garten" wird ebenfalls erwähnt durch
Prof. Dr. Alexander Nützenadel:
Verzeichnis der Kinderkurheime in der Bundesrepublik 1945-1989
(Berlin, 15. Mai 2025):
Privatklinik Haus im Garten
Früheste Erwähnung: 1956
Trägertyp: Privat
Leitungspersonal: Dr. med. Schwarz; Dr. med. Deimler
Quellen: Folberth 1956, S. 121

(links: BSN, 28.11.1957)


Unterstützen Sie die Aufarbeitung der Misshandlungen der „Verschickungskinder“
z.B. durch Ihre Unterschrift für eine Petition, die durch den Verein
"Aufarbeitung und Erforschung Kinderverschickung" angeregt worden ist
(
Vorsitzende: Anja Röhl, www.verschickungsheime.de)

Aktuell in 2025 ist folgende Veröffentlichung

"Forschungsprojekt:
Die Geschichte der Kinderkuren und Kindererholungsmaßnahmen
in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1989"
inklusive des
"Verzeichnis der Kindererholungs-, -kurheime und -heilstätten
in der Bundesrepublik 1945–1989"
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Geschichtswissenschaften, Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
Berlin, 15. Mai 2025


Deutsche Rentenversicherung, Caritas, Diakonie und DRK arbeiten Geschichte des Kinderkurwesens auf und zeigen damalige Missstände auf.  (Gemeinsame Presseerklärung vom 15.05.2025), Auszug:


"Zwischen 1951 und 1990 verbrachten laut Schätzung der Autorinnen und Autoren 11,4 Millionen Kinder und Jugendliche Aufenthalte in Kinderkur- und -erholungsheimen sowie -heilstätten. Ziel der damaligen Kinderkuren war in der Regel die gesundheitliche Stärkung bei guter Ernährung und an frischer Luft. Verschickt wurden Kinder aus allen sozialen Schichten. Das Kinderkurwesen der alten Bundesrepublik war durch eine komplexe Struktur von Trägern, Fach- und Interessensverbänden, Entsendestellen und nicht zuletzt durch eine große Zahl von Heimen geprägt. Die Kuren wurden meist von Ärzten verschrieben oder von der „Fürsorge“, zum Beispiel von Jugend- und Gesundheitsämtern, veranlasst. Die Kosten trugen meistens Krankenkassen und damalige Rentenversicherungen. Die Einrichtungen waren überwiegend in privater Trägerschaft oder wurden von Wohlfahrtsverbänden, Kommunen oder anderen staatlichen Akteuren betrieben. „Auch wenn Kinder und Jugendliche positiv oder neutral von ihren Kuren berichten, war die Realität in den Heimen häufig eine andere. Das Kinderkurwesen erwies sich bis in die 1980er Jahre hinein als sehr beständiges Massenphänomen. Umso schwerer wiegt, dass sich erhebliche strukturelle Missstände ausmachen lassen, unter denen zahlreiche Kurkinder zu leiden hatten", so Professor Nützenadel. 

Viele Kinder hatten in den Kinderkureinrichtungen keine erholsame oder heilsame Zeit. Sie berichten von mangelhaften räumlichen und hygienischen Bedingungen und davon, dass sie kontrolliert, eingeschüchtert und zum Teil gedemütigt wurden. Manche waren Gewalt ausgesetzt.
Die Forschungsergebnisse machen deutlich, dass es sich bei den Missständen nicht um Einzelfälle handelte, sondern um strukturell bedingte Vergehen in zahlreichen Einrichtungen. Bedingt unter anderem durch häufig fehlende angemessene pädagogische Konzepte, Mangel an pädagogischem Fachpersonal und eine unzureichende Aufsicht gab es über Jahrzehnte Missstände in den Heimen. An vielen Stellen änderte sich daran über lange Zeit nichts, obwohl es entsprechende Hinweise und Beschwerden gab. Ab Mitte der 1970er Jahre läuteten einschneidende sozialpolitische und sozialrechtliche Veränderungen sowie soziostrukturelle Wandlungsprozesse das Ende der damaligen Kinderkuren ein. 

 Die Initiative Verschickungskinder, die den Forschungsbericht im Beirat begleitet hat, betonte: „In der Untersuchung der Humboldt-Universität zu Berlin wird das zahlenmäßige Ausmaß des Kinderverschickungswesens sehr deutlich. Forschungsergebnisse wie diese sind unverzichtbar, um den Wahrheitsgehalt und die Relevanz der Erlebnisberichte der vielen Betroffenen zu unterstreichen." Der Deutsche Caritasverband, die Diakonie Deutschland, das Deutsche Rote Kreuz und die Deutsche Rentenversicherung sprechen in Bezug auf die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse ihr großes Bedauern über die damaligen Geschehnisse aus und stellen sich der Vergangenheit. Die Studie sei ein wichtiger Schritt zur Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse, mit der man Verantwortung übernehmen wolle."
Neben anderen wird  Rüdiger Schuch, Präsident der Diakonie Deutschland zitiert:

„Auch in Kinderkureinrichtungen der Diakonie haben Kinder und Jugendliche in der damaligen Zeit Gewalt und Erniedrigung erfahren. Das bedauere ich sehr. Mir ist wichtig, dass die vorliegende Studie im Dialog mit Betroffenen entstanden ist. Die wissenschaftliche Expertise und die Wahrnehmung erlittenen Leids – beides zeichnet diesen Beitrag zur Aufklärung der festgestellten Missstände aus. Die Kinder- und Jugendpädagogik hat sich seither sehr viel weiterentwickelt und stellt heute die Rechte und die Würde von jungen Menschen in den Mittelpunkt. Das ist zentrales Leitmotiv diakonischer Kinder- und Jugendhilfe.“

Kinderlandverschickung

(oben: 1941, Ganzsache: Slg. R. Boehm)
(unten: 1941, Ganzsache: Slg. R. Boehm 6301) 

KLV-Lager Pension Dreger

Tannenweg 6
(damals Pfaffenberg 5)

In den Kriegsjahren 1940 ff wird die Pension Dreger durch Kinderlandverschickung belegt.  [Zur Vor- und Nachgeschichte vgl. Tannenweg 6].

1942 steht das Haus unter Diphterie-Verdacht und es wird festgestellt, dass die "allgemeinen hygienischen grundlegenden Bedingungen bei der Belegung von 50 Personen nicht den Anforderungen" entsprechen", es fehlen Bettbezüge, Bettsäcke, Zahnputzgläser, Waschschüs-seln usw. (Notiz  26.09.1942, StABS 471/02/5); am 4.11.1942 teilt der Bad Sachsaer Bürgermeister als Ortspolizeibehörde dem Landrat in Nordhausen mit, dass sich im Nachlass des verstorbenen Juden Dr. Bernhard Israel Meyer eine Anzahl Wäsche, Geschirr, Eimer und sonstiges Gerät befände, welches in dem Heim der Frau Dreger gebraucht werden könnte. Frau Dreger wurde gebeten, sich mit der Ortsgruppenamtleiterin der NSV Frau Wawrina in Verbindung zu setzten... (StABS 471/02/5) 



IN ARBEIT
 


IN ARBEIT

Unterstützen Sie die Aufarbeitung der Misshandlungen der „Verschickungskinder“
z.B. durch Ihre Unterschrift für eine Petition, die durch den Verein
"Aufarbeitung und Erforschung Kinderverschickung" angeregt worden ist
(
Vorsitzende: Anja Röhl, www.verschickungsheime.de)

Heime für Säuglinge, Töchter und

andere Jugendliche:

Töchter gehobenener Stände finden freundliche Aufnahme
bei Frau Oberpostsecretär Buchheister

(19.11.1878, Kölnische Zeitung)

Schuldirektor Dr. Julius Tietz, (oben mittig), Dr. Dieckmann (vermutlich Sohn des oben links abgebildeten Dr. Hermann Dieckmann, * 18.11.1818 in Clausthal; † 28.12.1887 in Hannover, nach ihm benannt die Dieckmannstraße in der Südstadt) sowie Pastor Büttner stehen mit ihrem guten Namen für die Ausbildung höherer Töchter im beschaulichen, und 1878 noch sehr dörflich geprägten, Sachsa. (linkes Foto: 1887?: Ernst Alpers, Hannover. THE NEW YORK PUBLIC LIBRARY DIGITAL COLLECTIONS / Foto oben: 1910, W. Eichhorn, Wikipedia. Beide abgerufen 21.02.2024)

Bismarckstraße 1
(ein Foto habe ich bis heute nicht finden können)

Im ausgehenden 1900 Jahrhundert, in der Vakanz dieses Gebäudes zwischen dem damaligen Eigentümer + Ziegeleibesitzer Conventes und dem zukünftigen Besitzer Louis Deibel in 1900 war in diesem, damals noch recht einfach gebauten Haus, die erste höhere Töchterschule dieser Stadt untergebracht.
Weitere Informationen sind bisher nicht bekannt. 

Töchterheim Scheller-Witzell
IN ARBEIT
Bismarckstraße 3 (auch Wiesenstr. 3)
Marta Scheller, geb. Witzell, erhält am 11.11.1916 die Erlaubnis zur Leitung eines Töchterheims für hauswirtschaftliche und wissenschaftliche Fortbildung (evtl. auf dem Glaseberg?). 1920 ist der Name der Anstalt in der Bismarckstraße 3 Töchterheim Scheller-Witzel, Inhaberin: Frl. Emmy Witzel und Frau verw. Rittergutb. Scheller, geb. Witzel. Hauptamtlich sind 4 Lehrerinnen und 6 nicht beamtliche Personen beschäftigt, die 38 Mädchen, davon 12 über 18 Jahre alt, unterrichten in "Haushalt, Nadelarbeiten, kunstgewerb. Arbeiten, Sprachen, Literatur, Kunstgeschichte, Musik". (StABS 1,26,2 + 1,29,4)

Töchterheim Elisabeth
IN ARBEIT 
Steinaer Straße 21
Zum Betrieb der privaten Koch- und Haushaltungsschule von Knobelsdorff haben Arthur von Steinmetz und seine Nichte Erna von Knobelsdorff (staatlich geprüfte Haushaltungslehrerin) die Villa in der Steinaer Straße 21 angemietet mit der Option, dass dieses Grundstück in deren Besitz übergeht, sobald die Genehmigung zur Leitung erteilt worden sei.
Zum 17. Januar 1917 wurde Erna von Knobelsdorff aus Nikolassee bei Berlin die Erlaubnis zur Leitung eines Töchterheims für hauswirtschaftlich und wissenschaftliche Fortbildung erteilt. 1919 werden 2 hauptamtliche und 2 unbeamtliche Lehrerinnen für 22 Mädchen, davon 6 über 18 Jahren, beschäftigt zur Ausbildung im Kochen und Haushaltung; Anfang der 1920er Jahre werden hauptamtlich 3 und unbeamtlich 2 Lehrerinnen beschäftigt für 36 Mädchen (davon 11 über 18 Jahren). Mitte/Ende der 1920er Jahre nimmt die Zahl der Töchter deutlich ab (9 Mädchen) um in den 1930er wieder zu steigen auf durchschnittlich 35 Mädchen, die von 4 Lehrerinnen unterrichtet werden.
1940 ist Major Arved von Knobelsdorff Inhaber und Hauptmann Manfred von Knobelsdorff und S. von Helldorff Leiter der Anstalt für 38 Schülerinnen (Alter 15-19 Jahren, kein Mädchen aus Bad Sachsa)
  (StaBS 1,26,2 + 1,29,4 + 1,29,5)

Töchterheim Maria Erika

Waldsaumweg 15
(1911)

Maria Schule, Inhaberin des Töchterheims Maria Erika, wird am 08.04.1916 davon in Kenntnis gesetzt, dass zum Betriebe des Töchterheims die Genehmigung der königlichen Regierung - Abteilung für Kirchen- und Schulwesen erforderlich ist. Aufnahmen dürfen vorher nicht erfolgen. Das Töchterheim ist nicht nur Erholungsheim, sondern auch eine wissenschaftliche Fortbildungsschule.
Zum 1.8. 1916 wird Fräulein Maria Schulze die Erlaubnis zur Leitung eines Töchterheims für hauswirtschaftliche und wissenschaftliche Fortbildung erteilt. In 1919 werden 5 Lehrerinnen (darunter Susanne Schmidt-Eschke ..........) und 3 unbeamtliche Personen beschäftigt für 39 Mädchen (18 über 18 Jahren, 18 unter 18 Jahren), die in Sprachen, Kochen, Haushaltungslehre, Gesundheitslehre, Kochtheorie, Waschen und Plätten, Handarbeit, Literatur, Kunstgeschichte, Deutsch, Zeichnen, Malen und Chorgesang unterrichtet werden. In 1920 sind es 52 Mädchen (26 über 18, 26 unter 18 Jahren). StABS 1,26,2 + 1,29,4)

Töchterheim Franziska
IN ARBEIT 
Glaseberg

Das Töchterheim Franziska wird 1921 erwähnt im Pensionat Fräulein Goebel, Glaseberg. (StABS 1,26,2)

Freizeitheim der Inneren Mission

Gartenstraße 2
(1937)

Das einstige Kriegsinvalidenheim HELDENDANK e.V. "ist seit 1929 im Besitz der Inneren Mission (Magdeburg, Breiterweg 195) und dient als Jugendheim. Seit 1933 werden in dem Heim nur Jugendliche im Alter bis zu 25 Jahren aufgenommen. Das Heim führt z.Zt. die Bezeichnung: Freizeitheim" und "Besitzer ist noch der Provinzialverband in Magdeburg". 1935 wird als Heimleiter des Evangelischen Provinzial-Freizeitheimes Rudolf Zilling genannt
Aus dem Freizeitheim wird im Laufe der Jahre ein Kindererholungsheim der "Inneren Mission Landesverband Hannover", (BSN 10./11. Mai 1958),  welches später als Kinderheim "Konsul-Albert-Heim" bekannt wird (u.a. 1962)
[Nützenadel: Verzeichnis 1945-1989: "Evang. Kindererholungsheim für Kinderpflege Hannover (1959); Verein zur Unterbringung erholungsbedürftiger Kinder e.V. Innere Mission. Vertragspartner: Gesamtverband der Berliner Inneren Mission (1959). Zielgruppe: Kinder von 4-11 Jahren. Bettenzahl 50]

Wohl in den späten 1970er Jahren zieht hier eine Fachklinik für Diabetis- und Stoffwechsel-krankheiten ein.
Seit 1990 wird das Anwesen durch die Familie Küker als Haus Alba für die Seniorenbetreuung genutzt.

(StABS 2,11,2)

Kinderheim "Konsul-Albert-Heim"


Prof. Dr. Alexander Nützenadel:
Verzeichnis der Kinderkurheime in der Bundesrepublik 1945-1989
(Berlin, 15. Mai 2025):
Evang. Kindererholungsheim "Konsul-Albert-Heim"
Träger: Evangelischer Landesverband für Kinderpflege Hannover (1959); Verein zur Unterbringung erholungsbedürftiger Kin-
der e.V., Innere Mission
Trägertyp: Diakonie / ev. Träger
Vertragspartner: Gesamtverband der Berliner Inneren Mission (1959)
Zielgruppe: Kinder von 4-11 Jahren
Bettenanzahl: 50
Archivbestände: ADE, HGSt, Nr. 10725
Quellen: Folberth 1964, S. 158

"KONSUL-ALBERT-HEIM"

Gartenstraße 2


Immerhin durfte das Kind seinen Namen daruntersetzen!
(25.07.1963, Foto: R. Boehm)

"Haushaltungskurse für Bräute und Abiturientinnen - auch kurzfristig..." im
Jungmädchenheim
Frau Charlotte Wegner
Bismarckstraße 7


rs. bezeichnet: "Hinteransicht"
(vermutlich 1933, Foto: Otto Adam; Slg. R. Boehm)

(ca. 1930, Prospekt: Horst Möller)

Diese Villa, erbaut 1892, wird vermutlich seit Ende der 1920er Jahre als "Bestempfohlenes Erholungsheim für junge Damen und Schülerinnen" geführt. 1933 erwirbt Frl. Knorr das Haus und zieht mit Pfarrer i.R. Kurt Knorr und dessen Ehefrau Auguste ein; sie betreiben gemeinsam das Mädchenpensionat wohl bis in die 1940er Jahre (?).

"Vorderansicht"

(vermutlich 1933, Foto: Otto Adam; Slg. R. Boehm)

Säuglingsheim von Steinmetz

Glasebergstraße 14
(1911, abgerissen 1975/1976)


Zum 30. Januar 1930 erhält Schwester Charlotte von Steinmetz die Genehmigung in ihrem Privat-Säuglingsheim ein Entbindungszimmer und ein Schlafzimmer für Wöchnerinnen zu unterhalten.
In 1938 wird die Genehmigung widerrufen und die weitere Ausführung untersagt, da die einfachsten Bedingungen der Gesundheitspflege nicht befolgt werden! (StABS 1,38,16)

Säuglingsheim
Müller von der Lehr

Steinaer Straße 13
(AK, 1959)

Zum 5. Juni 1933 wird Schwester Luise Müller von der Lehr gestattet, ein Privat-Entbindungs- und Säuglingsheim zu betreiben in der ehemaligen Villa "Drei Linden".
Im April 1938 ist das Heim mit 38 Kindern belegt (überbelegt!). Ende März 1940, nach Besichtigung durch das Gesundheitsamt in Nordhausen mit Feststellung diverser Mängel wird das Heim geschlossen; Frau Müller von der Lehr verzieht nach Dresden. (StABS 1,38, 16a + 471,02,1)
(zur weiteren Verwendung dieses Hauses siehe beim Kinderheim Krüsmann)

Entbindungsheim Borntal

IN ARBEIT



HIER FEHLT NOCH DIE VORGESCHICHTE :::::::::?::::::::
In 1947 wird im Borntal (siehe an anderen Orte!) Luise Mönkemann mit 5 Mitarbeiterinnen erwähnt, die ein Entbindungsheim für durchschnittlich 10 bis 15 Mütter mit 10 Kindern (Flüchtlinge) betreibt.
Auch 1951 steht Luise Mönkemann für das Entbindungs- und Säuglingsheim; gemeinsam mit einer Säuglingsschwester, einer Schülerin für Säuglingspflege sowie Haus- und Küchenpersonal werden durchschnittlich 12 Säuglinge betreut. 
(StABS 471/01)

[Nützenadel: Verzeichnis der Heime 1945-1989:
Kinderkrankenhaus IM BORNTAL
Früheste Erwähnung: 1956
Träger: Diakonissen-Mutterhaus Kinderheil, Bad Harzburg, Innere Mission.
Vertragspartner: Vertragsheim der LVA Rheinprovinz (1977).
Zielgruppe: 60 Kleinkinder, 80 Schulkinder, 30 Jugendliche, 10 Erwachsene; Schulkinder, Jugendliche, männlich und weiblich (1968), Bettenzahl: 180 (1977)
Quellen: Folberth 1964, S. 158, Folberth 1956, S. 121;
VDR 1977, S. XII/67f;
Kubale 1968, S. 47]

Unterstützen Sie die Aufarbeitung der Misshandlungen der „Verschickungskinder“
z.B. durch Ihre Unterschrift für eine Petition, die durch den Verein
"Aufarbeitung und Erforschung Kinderverschickung" angeregt worden ist
(
Vorsitzende: Anja Röhl, www.verschickungsheime.de)

Und was machen die kleinen Schmerle?

Sie gehen entweder zum Nachbarn, in den Wald, ins Freibad und/oder in den Kindergarten:

Kindergarten von Lüpke
(um 1912)

Marktstraße 46
(2007, Foto: H.J. Liebau)

Im Oktober 1912 beantragt Frieda von Lüpke (Turn- und Haushaltungslehrerin) als Zweig der Volkswohlfahrt einen Kindergarten zu errichten für Mädchen und Jungen im Alter von 3 bis 6 Jahren im Haus Marktstraße 46; dort stehen ein Zimmer mit 25 qm, 3m Höhe, Garten und Hofraum zur Verfügung. Die Genehmigung wird im März 1913 erteilt.
 (StABS 1,26,2)

Kindergarten
(um 1914)

??? Otto Kaiser-Weg 1 ???

Namens des Vaterländischen Frauenvereins bittet Frieda von Tenspolde im März 1914 um eine einmalige Beihilfe zur Errichtung einer Kleinkinderschule, verbunden mit einem  Gemeindesaal (Jungfrauenverein, Wohlfahrtspflege, Konfirmandensaal). Das Stadtarchiv verrät uns, dass die Stadt- und Kirchengemeide unentgeltlich das Bauterrain zur Verfügung gestellt hat; es verrät uns leider nicht, ob und wann dieser Kindergarten existiert hat.
(StABS 1,26,2)

"Kinderheim Sonneck"

Lore (Laura) Sundermann eröffnete zum 01.08.1929 das "Kinderheim Sonneck" (fälschlich auch "Sonneneck" genannt), am Pfaffenberg 16 (ab ca. 1935: Pfaffenberg 26)

(Dr. med. Kurt Schröder: Der Harz als Kurgebiet, Verlag E. Appelhans & Comp., Braunschweig)

Haus Sonneneck
(um 1934)

Pfaffenberg 16
(heute Pfaffenberg 26)
Frl. Lore Sundermann (staatlich geprüfte Wohlfahrtspflegerin, Kindergärtnerin und Jugenderzieherin) betreibt zumindest  von 1929 bis in die Jahre 1934 bis 1936 das Kinderheim Sonneck und  im selben Haus den privaten Kindergarten für bis zu 25 Kindern, für die pro Tag zwischen 2.50 und 5 Reichsmark zu entrichten sind; Hausarzt ist Dr. med. Stöhr. (StABS 470/01 + 1,26,2)

Bei Dr. med. Kurt Schröder heißt es auch:

VERSCHICKUNGSkinder

Die dunklen Seiten der Kinderverschickung

am Beispiel der Einrichtung
Im Borntal

 

Am 26. Mai 2023  setzt sich eine Gruppe von 20 ehemaligen Verschickungskindern mit ihren damals im Borntal erlebten Traumata im Beisein von Frau Moll-Vogel am Ort des Geschehens auseinander.
Ich (1956 gebohren, damals 67 Jahre alt) konnte nicht glauben, daß alle anwesenden Betroffenen deutlich jünger sind als ich; will sagen: diese Problematik ändert sich erst in den 1980er Jahren...!


(Borntal Haus 1, 26.05.2023, Foto: Ralph Boehm)

Bad Sachsa und die Kinderverschickung: Was geschah damals wirklich?
Die Diakonie Niedersachsen will das Kapitel Kinderverschickung aufarbeiten - 
dazu werden Mitarbeiter der Kinderklinik "Im Borntal" in Bad Sachsa gesucht;
so titelte der Harzkurier am 30.09.2022.
Wenige Tage später erschien am 08.10.2022 im "Echo zum Sonntag" dieser fast identische Artikel:

Das Diakonissenmutterhaus Bad Harzburg fasst diese Problematik auf ihrer Homepage 2023 so zusammen
(https://www.dmk-harzburg.de/?Mutterhaus___Verschickungskinderzeit):

Zur Geschichte der Verschickungskinder

Ab Anfang der 1950er bis zum Ende der 1980er Jahre wurden in der Bundesrepublik Deutschland bis zu 12 Mio. Kinder und Jugendliche aus gesundheitlichen Gründen über mehrere Wochen in Kindererholungsheime verschickt. Zu diesen Kurheimen bzw. Kurkliniken gehörten auch das Kinderkrankenhaus „Im Borntal“ in Bad Sachsa im Harz und das Seehospiz Norderney. Der Diakonissen-Mutterhaus Bad Harzburg e.V. ist bzw. war Trägerin dieser beiden Einrichtungen

Für viele Kinder waren die Kuren teilweise mit sehr leidvollen und traumatischen Erfahrungen verbunden. Das Diakonissen-Mutterhaus stellt sich seiner Verantwortung. Die uns bislang bekannt gewordenen Schilderungen beschämen uns. Sie machen uns sehr traurig und betroffen! Wir können das Leid der Verschickungskinder nicht ungeschehen machen. Deshalb bitten wir alle, die damals Leid und Traumatisierung erfahren haben, um Entschuldigung und Vergebung. Den Betroffenen helfen wir bei ihren Nachforschungen und der Aufarbeitung ihrer eigenen Verschickungskinderzeit, soweit dies in unseren Möglichkeiten liegt.

Auf der Grundlage von Fragen der Betroffenen sind über die Verhältnisse in Bad Sachsa umfangreiche Nachforschungen eingeholt worden. Den von der unabhängigen, ehemaligen Richterin, Frau Eva Moll-Vogel, erstellten ausführlichen Bericht über die Situation in der Kinderklinik „Im Borntal“ in Bad Sachsa finden Sie demnächst auf dieser Seite.

Die Verhältnisse im Seehospiz sind u.a. Gegenstand der bundesweiten Forschungsarbeiten des Historischen Instituts, Lehrstuhl für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Humboldt Universität Berlin. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts sollen bis Ende 2024 vorliegen. Auch diese werden Sie dann hier finden.

Sollten Sie weitergehende Fragen zu Ihrem Aufenthalt im Kinderkrankenhaus „Im Borntal“ in Bad Sachsa oder im Seehospiz auf Norderney haben, so helfen wir Ihnen gerne weiter. Damit diese Hilfe unparteilich und unabhängig von uns als Mutterhaus-Vorstand erfolgt, haben wir Frau Beate Reinecke gebeten, diese Aufgabe zu übernehmen. Sie arbeitet im Hauptberuf als behördliche Berufsbetreuerin beim Land Niedersachsen. Frau Reinecke hilft Ihnen gerne weiter. Sie erreichen sie unter [email protected].

und weist auf zwei Artikel in der Goslarschen Zeitung hin:

1) "Wir können das Unrecht nicht ungeschehen machen", 20.09.2023;
Ein Zitat hieraus macht mich besonders betroffen

 "Aus heutiger Sicht sei vieles damals

ein Unding

gewesen,

konstatiert die Mutterhaus-Oberin".

2) "Täglich raus an die frische Luft", 23.09.2023


(20.09.2023, Goslarsche Zeitung, oberster + unterster Abschnitt)

 Auf selber Seite, etwas weiter unten befindet sich der lesenswerte

Abschluss-Bericht Untersuchung
von Frau Eva Moll-Vogel
,

den Sie über folgenden Link einsehen können (abgerufen am 04.09.2025):

https://www.dmk-harzburg.de/userfiles/downloads/VZeitBadSachsa/Abschluss-Bericht_Untersuchung_Bad_Sachsa.pdf


Zur Auseinandersetzung mit den Schicksalen, die Kinderverschickung ausgelöst haben kann,

empfehle ich die Homepage von Anja Röhl:


Verein Aufarbeitung und Erforschung von Kinder-Verschickungen e.V. 


"Verschickungskinder - das vergessene Trauma"

https://verschickungsheime.de/

BORNTAL

Das BORNTAL und

Die Kinder des 20. Juli 1944

In KURZform:

Die Stadt Bad Sachsa beabsichtigt,
die Gedenkausstellung (seit 2016 über der Tourist-Information, Am Kurpark 6, 37441 Bad Sachsa)
an den Ort zu verlegen, an dem die "Kinder des 20. Juli" in 1944 auf 1945
in Sippenhaft genommen wurden:

Ins Borntal

(November 2025)

In LANGform:

Ein Vorschlag zur Museumskonzeption durch das Architektur- und Ingenieurbüro GmbH der Herren Probst, Schmidt und Klima, 2023:


Ein erster Schritt zu einer Gedenkstätte war in 2016 erreicht:

Einweihung der Ausstellung zum Gedenken an die "Kinder des 20. Juli 1944" in Bad Sachsa (22.11.2016, Kursaal)


 v.l.n.r.:
1. Prof. Dr. Clarita Müller-Plantenberg
2. Verena Onken von Trott
3. Dr. Karsten Hansen mit
4. Frauke Hansen
5. Dr. Günter Winands
6. Albrecht von Hagen
7. BGM Dr. Axel Hartmann 
8. Liselotte von Hofacker 
9. Berthold Schenk Graf von Stauffenberg 
10. Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld 
11. Prof. Dr. Friedrich-Wilhelm von Hase 
12. Carl Goerdeler (mit dunkler Brille, Enkel) 
13. Volker Hayessen (halb verdeckt) 
14. Heimeran Schenk Graf von Stauffenberg 
15. Wessel Freiherr Freytag von Loringhoven 
16. Alfred von Hofacker 
17. Ingrid von Seydlitz 

(Quelle Gedenkstätte Deutscher Widerstand, dort als "Quelle Privatbesitz" bezeichnet)

Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld hält seine Rede zur "Sippenhaft" in Bad Sachsa.

Dr. Günter Winands, Ministerialdirektor bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien



 


 „Sippenhaft“ in Bad Sachsa 

 Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld

 „Sippenhaft“ in Bad Sachsa

 Grußwort von Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld zur Eröffnung der Ausstellung „Unsere wahre Identität sollte vernichtet werden“ am 22. November 2016 im Kursaal der Stadt Bad Sachsa 

 Meine sehr verehrten Damen und Herren,

 vor etwas mehr als 72 Jahren, ich war damals 15 Jahre alt und bin damit heute 87, kam ich spät abends mit der Bahn in Bad Sachsa in Begleitung an. Aber davon später etwas mehr. 

 Ich ging zu der Zeit in Nordhausen auf das humanistische Gymnasium, nachdem ich das Internat Klosterschule Roßleben, auch in Thüringen, wegen politischer Aktivitäten hatte verlassen müssen. Der Oberstudiendirektor Kurt Sachse am Nordhäuser Gymnasium war 1921 Geschichts- und Lateinlehrer meines Vaters in Roßleben gewesen und bei der Umwandlung von Roßleben zur SS-Heimschule dort politisch nicht mehr tragbar. Daher mein „Unterkommen“ in Nordhausen. 

 Ich bin verheiratet, habe eine Tochter und zwei Söhne, alle drei sind, gottlob, in Arbeit und Brot und elf Enkelkinder. Meine Frau und ich leben seit 1994, nach meiner Pensionierung bei John Deere in Mannheim, wo ich mich 34 Jahre lang im Konzern mit Landmaschinen beschäftigt habe, nun wieder auf meinem väterlichen Betrieb im Osten Mecklenburgs, ca. 150 km nördlich von Berlin und erfreuen uns täglich an der wunderschönen Landschaft, dem meist guten Wetter und der von mir sehr geschätzten Mischung aus Ackerland, Wald und großen Seen. Back to the roots! Es lebt sich gut in Norddeutschland, einen Steinwurf von Berlin entfernt und wieder zu Hause auf eigenem Grund und Boden. 

 Die Tatsache, nach genau 50 Jahren wieder zu Hause zu sein, ist überwältigend und deckt die Schwierigkeiten des Neuanfangs mit einem Mantel größter Dankbarkeit zu. 

 Mein Elternhaus war sehr politisch ausgerichtet. Mein Vater engagierte sich unter anderem für das Deutschtum im damaligen Westpreußen (auch Korridor genannt, weil zwischen dem Reichsgebiet und Ostpreußen gelegen und 1918 an Polen gefallen). 

 Die Familie hatte dort neben dem mecklenburgischen Betrieb auch noch einen Waldbesitz direkt am Weichselufer südlich von Danzig, der nach dem Ersten Weltkrieg von den Polen enteignet werden sollte. Durch das Verhandlungsgeschick meines Vaters, bis zum Völkerbund in Genf, konnte er erhalten werden, wenn auch in der Größe reduziert. 

 Meine Jugend auf dem Lande und später in verschiedenen Internaten, deren Wechsel sich aus den Ausbombungen ergaben, wurde bis zum Juli 1944 durch zahlreiche politische Eckpunkte bestimmt. Beginnend mit dem Einmarsch in Österreich am 13. März 1938. Die Begeisterung für uns Jungen kannte keine Grenzen. Anfang September 1938 mussten wir aus Westpreußen nach Mecklenburg (ins Reich!) zurückkommen, da mein Vater kriegerische Verwicklungen hinsichtlich des Sudetenlandes befürchtete. Es folgte am 30. September 1938 die Münchener Konferenz, auch Münchener Abkommen genannt, mit Hitler, Mussolini, Chamberlain und Daladier. Sie wurde von Chamberlain als Erfolg für den Frieden gefeiert, fand aber mit der schnell folgenden Besetzung des Sudetenlandes ihren augenblicklichen Abschluss. 

 Auf unserem Betrieb in Göhren, Mecklenburg, hatten sich damals Herren der deutschen Generalität (Witzleben, Beck und andere) versammelt, um das Ergebnis der Münchener Konferenz abzuwarten. Witzlebens Kommando über den Wehrkreis Berlin hätte die Möglichkeit geboten, dies war die Planung, die Reichsregierung im Falle eines Scheiterns der Münchener Konferenz zu verhaften. Nachdem die Konferenz aber einen für die Reichsregierung positiven Verlauf genommen hatte, war an einen Staatsstreich nicht zu denken. 

 Nach dem Einmarsch in Österreich und das Sudetenland 1938 erfolgte im März 1939 die Besetzung des Memelgebietes und schließlich der Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939. Mein Vater wurde am 25. August 1939 als Reserveoffizier eingezogen und marschierte mit seinem Bataillon von Pommern aus in den Korridor ein. 

 Die Nationalsozialisten fühlten sich auf dem Höhepunkt ihrer Macht und ließen dies die Menschen in den besetzten Gebieten in vielfältiger Weise spüren. 

 Nach dem Ende der militärischen Aktivitäten in Polen war mein Vater Ende 1939 im Urlaub auf seinem Betrieb in Westpreußen und wäre fast Zeuge von Ermordungen von über 1.000 geistig Kranken aus einem in unserer Kreisstadt gelegenen Hospital in einer Kiesgrube in seinem Wald geworden. In dieser Kiesgrube sind bis Kriegsende an die 10.000 Menschen ermordet und verscharrt worden. 

 Seinem testamentarischen Wunsch, in der Kiesgrube ein Kreuz zu errichten mit einer Tafel und folgendem Text: „Hier ruhen 1000-1500 Christen und Juden. Gott sei ihrer Seele und ihren Mördern gnädig“, konnten wir nur teilweise nachkommen, da es in der Kiesgrube bei unserem ersten Besuch 1976 bereits ein großes steinernes Kreuz – von den Polen errichtet – gab. Die Tafel haben wir an der Kapelle in unserem dortigen Heimatort anbringen können. 

 Mit diesem Hintergrund versuchte ich mich in der obligatorischen Hitlerjugend bzw. dem Jungvolk zu arrangieren. Opposition war nicht erwünscht, Widerreden wurden meist mit Strafen und Nachexerzieren geahndet. 

 Für mich war der 20. Juli 1944 quasi der Neuanfang meines Lebens. Kein Stein stand mehr auf dem anderen. 

 Alles wurde abrupt beendet, als am 7. August 1944 die Gestapo, zwei Männer und eine Frau, vor der Tür standen, um meine Mutter, meine beiden Brüder – elf Jahre und neun Wochen alt – und mich zu verhaften. 

 Himmler hatte auf einer Gauleitertagung am 3. August 1944 in Posen gesagt: „Dann werden wir die absolute Sippenhaft einführen. Wir sind danach schon vorgegangen und haben danach gehandelt. Die Familie Graf Stauffenberg wird ausgelöscht werden bis ins letzte Glied.“ 

 Himmler hat dann wohl seine Meinung geändert, da man der deutschen Bevölkerung nicht jeden Tag die Hinrichtung von Menschen mit in Deutschland bekannten Namen bekannt geben konnte. Außer den Morden in Plötzensee wurden alle anderen Maßnahmen auf Gefängnis-, Lager- und KZ-Strafen geändert. 

 Ich kam am 7. August morgens von der Jagd zurück, in der einen Hand ein erlegtes Kaninchen, das ich in den Eiskeller (Kühltruhen gab es noch nicht) brachte, und stellte das Gewehr nach der Reinigung in den Gewehrschrank, bevor ich mich unserem Besuch zuwendete und nach ihrem Begehren fragte. 

 Ihre Verblüffung ob dieser Frage war so groß, dass der Vorgesetzte etwas von Verreisen sagte. Ich packte also ein Köfferchen mit etwas Wäsche und dem Waschzeug. Die Kinderschwester, die meinen jüngsten Bruder versorgte, erklärte, dass, wenn sie das Baby mitnehmen würden, sie auch mitkäme. Das wurde ihr großzügig gestattet. Da die Gestapotruppe zu dritt war, war in einem kleinen DKW nicht genug Platz für meine Mutter, Kinderschwester, Baby, meinen jüngeren Bruder und mich. Es wurde also beschlossen, dass meine Mutter mit Baby und Kinderschwester mitfahren, die Gestapo-„Tante“ sich einen eigenen Transport besorgen müsste und mein Bruder und ich nachkommen sollten. Wir wurden dann zu unserem nächstgelegenen Bahnhof gebracht, kauften unsere Fahrkarten und fuhren ins Gefängnis. Man beachte bitte, mit selbst gekauften Fahrkarten! 

 Die erste Nacht brachten wir in einem Kinderheim zu. Ich wurde am nächsten Morgen nach Güstrow ins Gefängnis verlegt, wo meine Mutter am Tag zuvor schon eingewiesen und einem Verhör unterzogen worden war. Ich bin niemals verhört worden, wurde aber nach der Ankunft in Güstrow von meiner Mutter instruiert, wie welche Fragen zu beantworten seien. 

 Das Gefängnis war im Güstrower Schloss untergebracht. Meine und die Zelle meiner Mutter lagen an einem Flur, waren unverschlossen, der Gang am Ende war allerdings verriegelt. Das Mobiliar bestand aus Bett und Stuhl. Die Sanitäreinrichtungen waren angepasst. 

 Die Zellen hatten ein in kleine Scheiben unterteiltes Fenster, von denen man die mittlere öffnen konnte. Mein Kopf passte gerade so hindurch. Auf der einen Seite sah ich auf eine Wiese außerhalb des Schlosskomplexes, auf der anderen auf den Schlosshof. Am Sonnabend konnte ich immer das Zusammenstellen von Sonderkommandos von Häftlingen auf dem Schlosshof beobachten. Sie marschierten dann über die Schlossbrücke und wurden draußen auf wartende LKW verladen und ins KZ gebracht. 

 Ich wurde zur Arbeit einer Gärtnerei zugewiesen. Der Gärtner holte mich morgens um 6.30 Uhr ab und brachte mich abends um 18.00 Uhr wieder zurück in die Zelle. Der Vorteil dieser Arbeitsstelle war, dass es, da alles Obst reif war, eine erfreuliche Ergänzung zum Knast-Fraß gab. 

 Da er während der Frühstückspause den „Völkischen Beobachter“ las und mir die Zeitung, wenn er fertig war, übergab, war ich immer über die Außenwelt informiert. Daher wusste ich auch, dass der Name unserer Familie nicht in deutschen Medien veröffentlicht worden war, was mir später bei einer Diskussion mit einem Gestapo- Beamten im Gespräch über unseren neuen Namen (Seifert) behilflich war. 

 Am 22. und 23. August 1944 wurde unter dem Code-Namen „Gitter“ (Gewitter) in Deutschland eine große Verhaftungswelle durchgeführt, bei der die Funktionsträger des politischen Lebens der Weimarer Republik inhaftiert wurden. Drei dieser Inhaftierten wurden auch der Gärtnerei zugeteilt. Es waren natürlich für mich ältere Herren, die plötzlich in Häftlingskleidung mit Holzpantoffeln herumlaufen mussten. Einer von ihnen hatte bei der nächtlichen Verhaftung vor Aufregung seine Zahnprothese vergessen, was aber am folgenden Tag repariert wurde. 

 Diese Herren saßen mit mir zusammen in den Pausen vor der Gärtnerbude, so dass wir uns selbstverständlich auch unterhielten, schließlich kamen wir ja aus demselben „Haus“. Nach zwei Tagen wurde mit mitgeteilt, dass ich mich mit den Herren nicht unterhalten dürfe. Ich hörte nach meiner Entlassung, dass Kaltenbrunner, Chef des Reichssicherheitshauptamtes, schon den Befehl gegeben hatte, mich nach Dachau zu verlegen, dies aber von einem Onkel von mir, dem Reichsfinanzminister, verhindert wurde. Es ist kaum vorzustellen, wie besorgt man sich um einen 15-jährigen Schuljungen kümmerte. 

 Am 13. September wurden mein Bruder und ich mit der Begründung aus Güstrow abgeholt, dass die Sommerferien beendet seien und wir auf eine Schule gebracht würden. Dies konnte eigentlich, meiner Ansicht nach, nur ein Internat sein. Als ich dann herausbekam, dass wir am nächsten Morgen nach Bad Sachsa fahren, nahm ich an, dass wir dort auf das mir bekannte Internat kommen würden. 

 Beim Abendessen in der Schweriner Gestapo-Zentrale – große Schüsseln mit Gulasch und Salzkartoffeln – haben wir offensichtlich so viel gegessen, dass ein Gestapo-Mann sich zu der Bemerkung hinreißen ließ, dass wir wohl besonders hungrig wären. Die Antwort bzw. Frage meines Bruders, ob er schon mal bei sich im Gefängnis gegessen hätte?! 

 Wir fuhren also am nächsten Morgen mit dem Zug über Nordhausen nach Bad Sachsa – 1. Klasse im ersten Waggon hinter der Lokomotive, der wegen der Tieffliegerangriffe, die ja meist der Lokomotive galten, nicht mit Passagieren besetzt wurde. Beim Umsteigen in Nordhausen traf ich Klassenkameraden (Fahrschüler) von mir – eiligst wurden wir in einen separaten Raum gebracht! 

 Wir verließen den Zug in Bad Sachsa und ich schlug die Richtung zum Internat ein. Mir wurde aber bedeutet, dass wir die Nacht in einem Heim verbringen würden. So kamen wir zu Fuß im Borntal an, wurden kurz mit „Heil Hitler“ von Fräulein Köhler, einer Walküre mit dem Parteiabzeichen mitten auf der Brust, begrüßt und in das Haus 1 (für Jungen ab 10 Jahren) weitergeleitet. 

 Wir hatten ein Doppelzimmer und ich muss ehrlich zugeben, dass ich mich freute, wieder einmal in einem bezogenen Bett auf einer Matratze schlafen zu können, im Gefängnis war es ein Strohsack mit altem Stroh. 

 Am nächsten Morgen musste ich mit Fräulein Köhler und ihrem großen Schäferhund, den ich an der Leine führen durfte, außerhalb des Heimgeländes einen kurzen Spaziergang machen, bei dem sie mir das Ehrenwort abnahm, dass ich nicht weglaufen würde. Meine Frage: Wohin denn? 

 Das Leben im Heim war zwar ein Eingesperrt-Sein, aber erträglich, da wir kaum Vorschriften oder Verhaltensanweisungen erhielten. Wir hatten versprechen müssen, dass wir unsere richtigen Namen nicht bekannt geben würden. 

 Als ich von meinem Rundgang mit Hund und Fräulein Köhler zurück ins Haus kam, erzählte mir mein Bruder, wie all die Kinder mit richtigem Namen heißen würden. Er trug eine von mir ausgewachsene Lederhose, die aus meiner Internatszeit innen an der Klappe mit Namen gezeichnet war. Er ist also an dem Morgen im Haus herumgegangen und hat jedem gesagt, dass er ihm ja nicht sagen dürfe, wie er hieße, sie könnten aber in seiner Hose seinen Namen lesen und dazu die Klappe aufknöpfte. 

 Unsere uns zugewiesene Kindergärtnerin, Hilde Waßmann, war entsetzt, konnte aber nichts mehr machen und hat letztendlich das Spiel mitgemacht. Sie war eine liebevolle Persönlichkeit, die uns pfleglich behandelte. 

 Wir waren ja nun alle schon eine längere Zeit „unterwegs“. Unsere Haarpracht sah entsprechend aus, so dass ich mich entschloss, den Friseur zu spielen. Dazu brauchten wir einen Raum, vor allem bei schlechtem Wetter. Ich hatte schnell eine gewisse Fertigkeit erzielt, obgleich ich noch nie etwas über Fasson- oder Rundschnitt gehört hatte, war das Bild trotzdem recht uniform. 

 Anfang Oktober wurden mein Bruder und ich entlassen und von denselben zwei Gestapo-Beamten, die uns auf dem Hinweg begleitet hatten, wieder abgeholt und nach Schwerin gebracht, wo uns ein Onkel in Empfang nahm. Wir lebten dann bei Verwandten in der Nachbarschaft von unserem alten Zuhause, das ja für die ganze Familie „off limits“ und wie der ganze übrige Besitz und das Vermögen meines Vaters enteignet war. Ich bin dann sehr schnell wieder auf die Schule nach Nordhausen zurückgekehrt und dort bis Ostern 1945, nach dem die Stadt total zerstörenden Fliegerangriff, geblieben. 

 Im November 1944 fuhr ich von Nordhausen aus noch einmal nach Bad Sachsa in das Heim. Fräulein Köhler war nicht beglückt, mich wiederzusehen, erlaubte mir aber, einige der immer noch nicht entlassenen Kinder zu treffen. 

 Meine Mutter war in der Zwischenzeit aus der Uckermark in die Gegend von Salzwedel geflohen, wo ich sie dann auch traf. 

 Ich bedanke mich bei Ihnen, Herr Bürgermeister Dr. Hartmann, dass wir diese Zusammenkunft in ihrer Stadt haben können. 1944 war die Verbindung zur Stadt nur dadurch gegeben, dass uns erzählt wurde, dass die Lebensmittel für unser Essen aus Bad Sachsa kämen. Sie haben uns also am Leben erhalten, wofür wir der Stadt dankbar sind. 



 v.l.n.r.: Friedrich-Wilhelm von Hase stehend vor Dr. Karsten Hansen, sitzend Volker Hayessen (verdeckt), Frau Smend mit Dr. Axel Smend, Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, Frau + Herr Graf Schwerin von Schwanenfeld, Dr. Günter Winands, Dr. Axel Hartmann
(Foto: Ralph Boehm)


Ein Ort der Erinnerung 

Bürgermeister Axel Hartmann
 
 Ein Ort der Erinnerung
 
 Begrüßung des Bürgermeisters der Stadt Bad Sachsa, Dr. Axel Hartmann, zur Eröffnung der Ausstellung „Unsere wahre Identität sollte vernichtet werden“ am 22. November 2016 im Kursaal der Stadt Bad Sachsa 
 
 Meine sehr geehrten Damen und Herren, 
 
 ich begrüße Sie alle sehr herzlich hier im Kursaal in Bad Sachsa zu dieser denkwürdigen Feierstunde. 
 
 Mein Gruß gilt zunächst Ihnen, verehrte Betroffene, denn ich wage kaum Kinder zu sagen, und wenn dann in Anführungszeichen, die Sie mit dem Namen unserer Stadt ein einschneidendes Erlebnis in Ihrer Kindheit oder Jugendzeit verbinden. Wir hoffen, dass wir heute einen Beitrag leisten können, die Erinnerungen zu bewältigen. 
 
 Ich begrüße sehr herzlich – stellvertretend für alle – Herrn Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld. Herzlich Willkommen in Bad Sachsa. Aus dem Bundeskanzleramt ist Herr Dr. Günter Wienands, Ministerialdirektor bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zu uns gekommen. Herzlich Willkommen Günter. Ebenfalls aus Berlin begrüße ich Herr Prof. Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und sein Team, die diese exzellente Ausstellung realisiert haben. 
 
 Als ich vor zwei Jahren mein Amt antrat, stellte ich mir die Frage, warum unsere Stadt so ein kompliziertes Verhältnis zu den Ereignissen der Jahre 1944/45 im Borntal hat. Auf dem Gelände des Borntals steht bis heute keine Gedenktafel der Stadt Bad Sachsa, die an das Geschehene erinnert. 
 
 Nach dem Krieg war dort ein bis in die 1990er Jahre bestehendes Kinderkrankenhaus untergebracht, das weit über Bad Sachsa hinaus einen guten Ruf hatte. Kinder aus dem ausgebombten Dresden waren 1945 die ersten Patienten. Das Krankenhaus wurde kurz nach der Wende, Anfang der 1990er Jahre geschlossen. Danach diente das Gelände als Campingplatz. Heute warten wir darauf, dass dort ein moderner Ferienpark entsteht. Die am nördlichen Rand gelegenen Häuser des Mitte der 1930er Jahre errichteten „Bremer Kinderheims“, in denen die Kinder u.a. untergebracht waren, sollen in der äußeren Form erhalten bleiben – so die Zusage des Investors. 
 
 Außer einem Gedenkschild der Brandenburger Gemeinde Rangsdorf erinnert bis heute nichts an das, was vor über 72 Jahren dort geschah. Warum hat sich Bad Sachsa über viele Jahrzehnte so schwer getan, diesem für 46 Kinder des 20. Juli so einschneidendem Erlebnis einen Ort der Erinnerung zu geben? Von Rangsdorf war Graf Stauffenberg am 20. Juli 1944 nach Rastenburg in Ostpreußen geflogen, um im sogenannten Führerhauptquartier die Bombe zu zünden. Aber Rangsdorf hatte keine Beziehung zu Bad Sachsa und erst recht nicht zum Borntal. 
 
 Es hat erste Begegnungen mit den Betroffenen gegeben: 1998 kamen einige der damaligen Kinder nach Bad Sachsa und führten ein erstes Gespräch, ein weiteres folgte vor zwei Jahren anlässlich des 70. Jahrestages des Attentats. Die Gespräche mit meiner Amtsvorgängerin führten zu einer Annäherung an die Stadt Bad Sachsa, ein sichtbares Zeichen nach Außen hingegen wurde nicht gesetzt. Auch 72 Jahre nach dem Ereignis war im Borntal weder eine Gedenkstein noch eine Gedenktafel zu sehen, ganz zu schweigen von einer Ausstellung. 
 
 Das hat mich sehr betroffen gemacht, als ich nach mehr als 40 Jahren Abwesenheit 2014 in meine Heimatstadt zurückkehrte. Das wollte ich ändern und so suchte ich bereits wenige Wochen nach meinem Amtsantritt im Januar 2015 die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Stauffenbergstraße in Berlin auf, um mit Prof. Tuchel die Frage zu erörtern, ob man nicht eine Dauerausstellung zum Thema „Kinder des 20. Juli“ in Bad Sachsa einrichten könne. Alles was mir bisher zu dem Thema bekannt war, war der ZDF-Film gleichen Namens, der alljährlich um den 20. Juli herum als Wiederholung gesendet wird. Prof. Tuchel war sofort von der Idee angetan und nun ging es zunächst darum, die finanziellen Mittel zu beschaffen, um das Projekt zu realisieren. Mein alter Kollege aus Bonner Kanzleramtszeiten der 1990er Jahre, Günter Wienands, war inzwischen Abteilungsleiter bei der Staatsministerin für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt (BKM) in Berlin geworden. Noch am gleichen Nachmittag suchte ich ihn im Kanzleramt auf und er sagte zu, die Mittel zur Verfügung zu stellen. Schließlich kamen 80.000 € aus dem Haushalt der Staatsministerin für Kultur, ohne die die Ausstellung nicht finanzierbar gewesen wäre. An einem Nachmittag in Berlin, innerhalb weniger Stunden, war es gelungen, diese denkwürdige Ausstellung, die wir heute einweihen, zu initiieren. Mit der heutigen Einweihung setzen wird erstmals ein sichtbares Zeichen nach außen und weit über unsere Stadt hinaus, dass wir uns nicht vor unserer Vergangenheit verstecken, sondern uns offen mit ihr auseinandersetzen. 
 
 Die Ausstellung sollte ursprünglich auf dem Gelände im Borntal ihren Platz finden, aber die sich ständig verzögernde Bauplanung des Investors hat mich dann frühzeitig nach einem alternativen Standort suchen lassen, und ich bin der Bad Sachsa Holding dankbar, dass sie die Räumlichkeiten und die logistische Begleitung auf Dauer zur Verfügung stellt. Auch hätte ich heute gern im Borntal zusammen mit den „Kindern“ eine Gedenktafel der Stadt Bad Sachsa enthüllt. Aber auch hier hat uns der derzeitige Zustand des Geländes zögern lassen. Mein Dank geht an den hiesigen Rotary Club für die finanzielle Zusage. Die Tafel wird aufgestellt, sobald das vor Ort baulich möglich ist. 
 
 Lassen Sie mich noch einmal auf die Frage zurückkommen: Warum so spät? Das Thema mit dem wir uns heute befassen wurde in Bad Sachsa viele Jahrzehnte verschwiegen. Die, die etwas darüber wussten, und das waren wenige, schwiegen beharrlich. Und so war die Quellenlage dürftig. Auch alte Bad Sachsaer, die ich noch in den letzten Monaten befragen wollte, winkten ab. Niemand war bereit, Auskunft zu geben. 
 
 Das, was wir an schriftlichem Material hatten, hat unser früherer Stadtarchivar, Herr König, akribisch zusammengetragen. Unser derzeitiger Stadtarchivar, Herr Boehm, hat die Materialien der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zur Verfügung gestellt, und sie wurden in die Ausstellung einbezogen. 
 
 Lassen Sie mich noch eine persönliche Bemerkung machen. Ich selbst habe in meiner Jugendzeit in Bad Sachsa erlebt, wie die Frage offen und strittig diskutiert wurde, ob die an dem Attentat beteiligten Helden oder „Vaterlandverräter“ waren. Es war die Kriegsgeneration, die fast unisono der zweiten Variante der Deutung zuneigte. Verwundern kann das nicht, wenn man weiß, dass die Rehabilitierung der Männer des 20. Juli und anderer Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Diktatur viele Jahre verzögert wurde und die Hinterbliebenen mit geringen Renten auskommen mussten. Schließlich war die deutsche Justiz – bis in die höchsten Stellen des Bundesjustizministeriums der 1950er und 1960er Jahre hinein, wie wir kürzlich erfahren durften, von Juristen besetzt, die schon der Hitler-Diktatur gedient hatten. 
 
 Erst heute ist die Zeit reif, für eine Erinnerungskultur, in Form einer Ausstellung, die auf Dauer an ein dunkles Kapitel unserer jüngeren Geschichte erinnert, das auch Bad Sachsa getroffen hat. Vor allem die jüngere Generation soll wissen, dass die Gefahr von rechts kein geschichtliches Phänomen ist, sondern auch in unseren Tagen gilt: Wehret den Anfängen! 
 
 Wir müssen auch vor allem die Jugend über das informieren, was sich hier vor 72 Jahren ereignet hat. Insofern bin ich dankbar, dass heute auch Schüler unseres Pädagogiums unter uns sind.
 
 Zum Schluss gilt mein Dank allen, die dazu beigetragen haben, dass wir heute diese Ausstellung eröffnen können: 
 
 Zu allererst Herrn Professor Tuchel und seinem ganzen Team, die in eineinhalb Jahren eine vorzügliche Ausstellung geschaffen haben. Besonders beeindruckend sind die zahlreichen Portraits. Die bisher eher am Rande der Darstellung über den deutschen Widerstand laufende Diskussion hat nun einen festen Ort: Sie ist in Bad Sachsa zu besichtigen. Dafür Herrn Prof. Tuchel und dem ganzen Team meinen herzlichen Dank;
 
 Herrn Winands vom Bundeskanzleramt (BKM) danke ich für die Zurverfügungstellung der finanziellen Mittel;
 
 und der Bad-Sachsa-Holding und allen, die dazu beigetragen haben, dass diese Ausstellung die ihr gebührende Beachtung findet, danke ich herzlich. 
 
 72 Jahre danach haben wir also diesen Ort der Erinnerung an das Leid und Schicksal der 46 Kinder des 20. Juli geschaffen, die hier in Sippenhaft waren. Aber wie heißt es so schön: lieber spät als gar nicht ! 
 
 Ein letztes Wort an Sie, verehrte Kinder: Ich weiß, dass es manchem nicht möglich war und ist, an den Ort zurückzukehren, den Sie mit schmerzlichen und traumatischen Erinnerungen verbinden. Ihnen sprechen wir unseren großen Respekt aus. Denen die heute gekommen sind, danke ich von Herzen und sage Ihnen in aller Klarheit, auch wenn kein Bürger unserer Stadt Verantwortung für das hatte, was Ihnen damals von der Nazi-Diktatur angetan wurde: 
 
 Im Namen der Stadt Bad Sachsa entschuldige ich mich bei Ihnen allen für das Leid und die traumatischen Erlebnisse, die Sie mit unserer Stadt verbinden und bitte Sie um Verzeihung. Ich hoffe, wir sehen uns anlässlich des 75. Jahrestages des 20. Juli im Jahr 2019 wieder gesund in Bad Sachsa. Sie sind jederzeit herzlich willkommen. 
 
 Ich danke Ihnen!

 

 sitzend v.l.n.r.: Friedrich-Wilhelm von Hase, Carl Goerdeler, N.N., Albrecht von Hagen
(Foto: Ralph Boehm)

Eine kleine aber wichtige Ausstellung 

Günter Winands

  Eine kleine aber wichtige Ausstellung
 
 Grußwort des Ministerialdirektors bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Dr. Günter Winands, zur Eröffnung der Ausstellung „Unsere wahre Identität sollte vernichtet werden“ am 22. November 2016 im Kursaal der Stadt Bad Sachsa 
 
 Meine sehr geehrten Damen und Herrn,
 
 erlauben Sie mir, mit einem Zitat zu beginnen, einem Zitat, das mir nur schwer über die Lippen geht: „Dieser Mann hat Verrat geübt, das Blut ist schlecht, da ist Verräterblut drin, das wird ausgerottet. Und bei der Blutrache wurde ausgerottet bis zum letzten Glied in der ganzen Sippe. Die Familie Graf Stauffenberg wird ausgelöscht werden bis ins letzte Glied. Denn das muss ein einmaliges warnendes Beispiel sein.“ So deutlich, so unfassbar drastisch formulierte Heinrich Himmler – unter Berufung auf angebliche germanische Tradition – seine Vorstellung eines Rachefeldzugs gegen die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 und ihre Familien. 
 
 Zum Opfer fielen ihm auch die Kinder der Männer, die für das Attentat am 20. Juli 1944 alles aufs Spiel gesetzt hatten und mit dem Leben zahlten. Die Kinder wurden verschleppt, von ihren Müttern und Familien getrennt sowie ihres Namens und ihrer Identität beraubt. „Unsere wahre Identität sollte vernichtet werden“, lautet dementsprechend der Titel der Ausstellung hier in Bad Sachsa, die wir heute gemeinsam eröffnen. 
 
 Es ist eine kleine, aber wichtige Ausstellung, die einen bislang in der Öffentlichkeit kaum bekannten und nur unzureichend beachteten Vorgang der nationalsozialistischen Verfolgungsmaschinerie beleuchtet: das bereits im Niedergang begriffene Regime wandte sich in Form der sogenannten „Sippenhaft“ nicht nur gegen erwachsene Angehörige von Regimegegnern, sondern auch gegen deren Kinder, sogar gegen diejenigen im Säuglingsalter. Das jüngste Opfer, Dagmar Hansen, war damals gerade einmal wenige Wochen alt. Das älteste, Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld – der sogleich selbst noch zu uns sprechen wird – war 15 Jahre alt. 
 
 Man kann sich kaum vorstellen, was in Ihnen, sehr geehrter Graf von Schwerin, was in allen heute anwesenden damaligen Kindern vorgegangen sein mag, als Sie so völlig unvorbereitet und ahnungslos hier in Bad Sachsa eintrafen. Die Eltern verhaftet oder bereits ermordet, die Geschwister von Ihnen getrennt, sogar der Kontakt zum Teil verboten, persönliche Gegenstände und Fotos weggenommen. Verstehen konnten Sie es damals wohl kaum, sei es weil Sie ohnehin noch zu jung waren, sei es weil die Eltern Ihnen zu Ihrem Schutz nichts von den Plänen der Väter erzählt hatten. In Bad Sachsa sahen Sie sich den perfiden Plänen der Nationalsozialisten schutz- und wehrlos ausgeliefert. Ausdrücklich ging es darum, Ihren Namen und Ihre wahre Identität zu verschleiern, ja zu zerstören. Wahrscheinlich sollten die jüngeren Kinder sodann von gesinnungstreuen Familien adoptiert, die älteren in nationalsozialistischen Erziehungsanstalten untergebracht werden. Gottlob kam es nicht so weit. Die Pläne wurden nach einigen Monaten nicht mehr konsequent durchgesetzt, im Herbst 1944 durften die ersten Kinder zurück zu ihren wieder freigelassenen Müttern, die letzten konnten erst nach Kriegsende im Sommer 1945 zu ihren Familien zurückkehren. 
 
 Die Erfahrung, aus der Familie, aus dem bekannten und – trotz allem – vielfach friedvollen Familienleben herausgerissen zu werden, seinen Namen und seine Identität – wenn auch nur vorübergehend – zu verlieren, diese Erfahrung hat, glaube ich, wohl alle „Kinder von Bad Sachsa“ ein Leben lang begleitet. Die Ausstellung soll daher nicht nur Kenntnisse über diese Ausgeburt an Schändlichkeit des nationalsozialistischen Terrorregimes vermitteln. Sie soll auch das Schicksal derer würdigen, die 1944/1945 an diesen Ort verbracht wurden und Repressalien erdulden mussten, weil ihre Eltern im Angesicht von Terror, Gewalt und menschenverachtenden Praktiken Heldenmut bewiesen. Es erscheint mir wichtig, heute aber auch von den Vätern zu sprechen, für die die Kinder haftbar gemacht wurden. 
 
 Im Widerstand des 20. Juli 1944 waren Männer, die, getrieben von ihrem Gewissen, für Freiheit, Moral, Selbstachtung und Menschlichkeit eintraten, in einer Zeit, die von Gewalt und Zwang, Gewissenlosigkeit und Menschenverachtung geprägt war. Sie setzten damit alles aufs Spiel – und waren sich dieser Tatsache durchaus bewusst. Ich zitiere: „Es ist Zeit, dass jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterlässt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen.“ – so Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Der unbedingte Wille zum Widerstand der am Attentat vom 20. Juli 1944 Beteiligten, die Bereitschaft, die Konsequenzen dieser Tat zu tragen, sie schlimmstenfalls mit ihrem Leben zu bezahlen, erfüllt uns auch heute noch mit tiefer Demut und Dankbarkeit! Dankbarkeit, dass es solche Menschen eines anderen Deutschland gab! Wie stünde Deutschland heute im Spiegel der Geschichte da, wenn es solche Menschen nicht gegeben hätte?
 
 Keiner von uns könnte wohl ehrlich sagen, wie er selbst in einer solchen Situation gehandelt hätte. Und doch bleibt die unmissverständliche Botschaft des 20. Juli 1944: Man konnte, man musste etwas tun! Es gab Menschen, die auch unter den Bedingungen einer Diktatur und in einem Klima aus Misstrauen und Angst für mitmenschliches und verantwortungsvolles Handeln eintraten. 
 
 Dabei denke ich nicht nur an die Männer des 20. Juli, sondern auch an Gruppen wie den Kreisauer Kreis oder die Weiße Rose und Einzelkämpfer wie Georg Elser. All diesen Menschen ist die Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock in Berlin gewidmet, deren Leiter Prof. Johannes Tuchel gleich in die Ausstellung einführen wird. Die Erarbeitung der Ausstellung hier in Bad Sachsa lag ganz maßgeblich in seinen Händen. Dafür möchte ich ihm an dieser Stelle meinen herzlichen Dank aussprechen!
 
 Herr Prof. Tuchel leitet in Berlin nicht nur die Gedenkstätte Deutscher Widerstand mit der Gedenkstätte Plötzensee. Nein, im Auftrag des Bundes ist er auch für das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt und die Gedenkstätte Stille Helden in der Rosenthaler Straße in Berlin verantwortlich. Dort geht es um die sogenannten „Stillen Helden“, Menschen also, die uns heute oftmals namentlich gar nicht mehr bekannt sind, die im Kleinen halfen, die durch einfache Gesten Mut und Hoffnung machten, die sich jedenfalls geistig widersetzten. All diese Menschen zeugen davon, dass die Nationalsozialisten nie ganz und gar obsiegten, dass es immer Menschen gab, die selbstlos bereit waren, mitmenschliche Verantwortung und Hilfsbereitschaft zu zeigen, ohne Rücksicht auf die Folgen und ohne Anspruch auf eine spätere Anerkennung oder gar Würdigung ihrer Taten. 
 
 Umso schöner, lieber Herr Tuchel, dass es gelungen ist, im Bundeshaushalt 2017, der in dieser Woche verabschiedet wird, rund 4 Millionen Euro bereitzustellen, um die Gedenkstätte Stille Helden mit ihrer Dauerausstellung künftig an neuem Standort überarbeitet und vergrößert präsentieren zu können. Herr Prof. Tuchel, ich bin bereits jetzt auf die „Stillen Helden“ in neuem Gewand gespannt!
 
 Die Bundesregierung kommt mit der Förderung von Ausstellungen wie im Bendlerblock und in der Gedenkstätte Stille Helden oder auch hier in Bad Sachsa nicht zuletzt ihrer bleibenden historischen Verantwortung und Verpflichtung nach, für alle Zeit an die Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern und ihrer Opfer zu gedenken. In diesem Sinne sind uns die Menschen um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Ihre Väter und Mütter, auch eine ständige Mahnung. Diese wenigen Menschen haben Heldenhaftes vollbracht, sie haben ihrem Gewissen und ihrem inneren Kompass vertraut und entsprechend gehandelt. Zu viele aber haben den Aufstieg der Nationalsozialisten und die damit einhergehende Verfolgung und Entrechtung, die schließlich in den Zweiten Weltkrieg und den Zivilisationsbruch des Holocaust mündete, zumindest geduldet. Zu viele haben weggesehen und blieben stumm. 
 
 Umso wichtiger ist es, an die Menschen zu erinnern, die sich gegen diese Mehrheit gestellt haben. Und dabei dürfen wir nicht aussparen, welchen Preis sie für ihren Mut gezahlt haben, welchen Preis auch ihre Angehörigen, insbesondere Ehepartner und Kinder, zahlen mussten. Ich danke daher allen an der Erarbeitung der heute zu eröffnenden Ausstellung Beteiligten: der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, der Stiftung 20. Juli 1944 und insbesondere auch der Stadt Bad Sachsa und namentlich vor allem ihrem Bürgermeister Dr. Axel Hartmann. Sie, Herr Bürgermeister, haben vor zwei Jahren nach Ihrem Amtsantritt die Initiative ergriffen und sich nicht gescheut, dieses schwierige Kapitel der Stadtgeschichte aufzuarbeiten und öffentlich zugänglich zu machen. Ich hoffe, dass diese kleine, aber wichtige Ausstellung viele interessierte Besucher und die entstandene Dokumentation viele Leser findet!
 
 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Melanie Frey (Gedenkstätte Deutscher Widerstand/Stiftung 20. Juli) im Gespräch mit Berthold Schenk Graf von Stauffenberg; eingerahmt von Axel Smend und Graf Schwerin von Schwanenfeld; rechter Hand Dr. Günter Winands und Dr. Axel Hartmann; dahinter stehend Alfred von Hofacker im Gespräch mit Dr. Johannes Tuchel
(Foto: Ralph Boehm)

Das Göttinger Tageblatt fasst diese Veranstaltung am 22.11.2016 zusammen:

Ausstellung über die Kinder der Widerstandskämpfer Bad Sachsas Rolle in der Weltgeschichte
Der 22. November 2016 ist ein historischer Tag für Bad Sachsa. Seit Dienstag können Einheimische und Gäste die Beziehung der kleinen Uffestadt zur großen Weltgeschichte, wie Prof. Dr. Johannes Tuchel von der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand es bezeichnete, eindrucksvoll erleben.
Bad Sachsa. Unter dem Titel "Unsere wahre Identität sollte vernicht werden" wurde die neue Dauerausstellung, die das Schicksal der Kinder der Widerstandskämpfer des 20. Juli dokumentiert, eröffnet.

Knapp 200 Gäste, darunter ein Großteil der noch lebenden Kinder von damals, erfuhren in mehrfacher Hinsicht - nämlich aus der der Stadt, aus der des Historikers und aus der des Zeitzeugen, die schicksalhafte Geschichte im Borntal zwischen den Jahren 1944 und 1945.

Bürgermeister Axel Hartmann skizzierte sichtlich bewegt zunächst einmal, wie es nach nunmehr 72 Jahren überhaupt dazu kam, dass dieses Kapitel der Uffestadt genauer betrachtet wurde. Er betonte, dass er aus eigener Erfahrung wisse, dass die Stadt und ihre Einwohner stets ein kompliziertes Verhältnis zu diesem Teil ihrer Geschichte hatten. "Niemand wollte über die Kinder und ihre Schicksale sprechen. Bis heute gibt es im Borntal selbst keine richtige Erinnerungsstätte."

 Idee beim Amtsantritt

Bei seinem Amtsantritt vor zwei Jahren habe er betont, dass er diesen Zustand ändern möchte. Dank der Kontakte zu Günter Winands, Ministerialdirektor bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, habe man es auch geschafft, die notwendigen finanziellen Ressourcen für das Projekt zu erhalten - 80 000 Euro sind in die Ausstellung geflossen.

"Wir setzen hier heute ein Zeichen, dass wir in Bad Sachsa uns nicht vor unserer Vergangenheit verstecken, sondern uns offen mit ihr auseinandersetzen." In Richtung der ehemaligen Kinder betonte Dr. Hartmann, dass er im Namen der Stadt um Verzeihung bitte und hoffe, alle in drei Jahren zum 75. Jahrestag des Attentats begrüßen zu können.

Dr. Günter Winands ging in seinem Grußwort ausführlich darauf ein, wie extrem der Wille der Nationalsozialisten gewesen sei, mit der Sippenhaft jede Erinnerung an die Attentäter und ihre Familien auszulöschen. Man habe die Väter getötet, die Mütter in Konzentrationslager gesteckt und die Kinder nach Bad Sachsa verschleppt und ihnen neue Identitäten verpasst. Er dankte, dass es eben Menschen wie die Widerstandskämpfer gegeben habe, die zeigten, dass sich in Deutschland Personen gegen das Regime auflehnten.

 Schonungsloser Zeitzeugenbericht

Schonungslos skizzierte Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld im Anschluss, wie er die Zeit in Bad Sachsa erlebt hatte. Mit 15 Jahren war er damals das älteste Kind, das in den Südharz verschleppt worden war. Als am 7. August zwei Männer der Gestapo ihn und seine Familie aufsuchten, habe er sie höflich gefragt, was denn ihr Begehren sei. Völlig verdutzt auf diese Frage hätten diese etwas von einer Ferienreise gemurmelt. Mit dem Zug aus habe ihn seine Reise dann zuerst in das Gefängnis in Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern geführt und von dort nach Bad Sachsa.
Im Kinderheim selbst sei ihm vor allem in Erinnerung geblieben, dass man alles daran gesetzt habe, dass die Kinder ihre richtigen Identitäten verleugnen sollten. Dies misslang aber kläglich. "Mein Bruder, der meine alte Lederhose trug, in der mein Name stand, zeigte diese jedem mit dem Hinweis, dass er zwar nicht sagen darf, wer er sei, sie aber ja lesen könnten", sagte Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld. "Für mich war der 20. Juli so etwas wie der Neuanfang meines Lebens. Alles, was bis dato war, wurde auf den Kopf gestellt", so sein Fazit.

 Dank an den Stadtarchivar

Einen detaillierten Bericht speziell darüber, warum die Kinder ausgerechnet nach Bad Sachsa verschleppt worden waren - und zur Ausstellung allgemein - gab Prof. Johannes Tuchel von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die die Ausstellung gemeinsam mit der Stadt Bad Sachsa erstellt hatte. Sein Dank vorab galt vor allem Stadtarchivar Ralph Boehm. "Ohne Sie und Ihre akribische Arbeit hätten wir die Ausstellung in dieser Form nicht realisieren können."

Tuchel betonte, dass sich Gedenkstätte und Stiftung bereits seit dem Jahr 1994 mit den Geschehnissen in Bad Sachsa beschäftigen. "Man darf nicht vergessen, dass 46 Kinder aus 18 Familien herausgerissen wurden." Die Frage, warum die Uffestadt als Ort für die Kinder gewählt wurde, konnte der Historiker ebenfalls beantworten. "Bad Sachsa selbst hat keine Schuld oder Verantwortung in irgendeiner Form." Vielmehr sei es so gewesen, dass für die Gestapo, die die angeordnete Sippenhaft umsetzte, im Südharz beste Voraussetzungen herrschten.

Durch den Umzug der Raketenforschung von Peenemünde in den Harz habe man hier einen perfekt abgeschirmten Sicherheitsbereich vorgefunden. Deshalb hätten auch zwei SS-Offiziere, die in der Kommission saßen, die über das Schicksal der Familien der Attentäter entschied, die Vorteile im Harz mitgeteilt, so dass die Wahl auf Bad Sachsa fiel.

 Bis zu 200 Kinder sollten kommen

Es sei, so Tuchel, auch geplant gewesen, noch viele weitere Kinder in den Harz zu bringen. "Unseren Erkenntnissen nach sollten bis zu 200 Kinder hier mit neuen Identitäten versehen werden." Besonders bewegt habe ihn, dass die Kinder selbst in den letzten Zügen des Nazi-Regimes nicht aus dessen Klauen gelangen sollten.

"Im Februar 1945 kamen noch Kinder ins Borntal-Heim. Selbst in der Phase der Auflösung wollte man diese Kinder für die Taten ihrer Väter bestrafen", so Tuchel.

"Wir setzen hier heute ein Zeichen, dass wir in Bad Sachsa uns nicht vor unserer Vergangenheit verstecken, sondern uns offen mit ihr auseinandersetzen."

Von Thorsten Berthold

Die Ausstellung:

Dr. Axel Hartmann, Bürgermeister,zur Ausstellung

Die Ausstellung "Unsere Identität sollte vernichtet werden" dokumentiert das Schicksal der Kinder der Widerstandskämpfer, die nach dem 20. Juli 1944 nach Bad Sachsa verschleppt wurden.

Auf mehr als 30 Tafeln werden Informationen über die Kinder geboten. Zwei Mediastationen mit ausführlichen biografischen Angaben ergänzen das Angebot. Insgesamt sind mehr als 300 Fotos und Dokumente zu sehen.

In der 1. Etage der Tourist-Information , Am Kurpark 6, ist die Ausstellung werktags von 9 bis 17 Uhr kostenlos zu besichtigen.


Einweihung der Ausstellung zum Gedenken an die "Kinder des 20. Juli 1944" in Bad Sachsa (22.11.2016, Kursaal)


Friedrich-Wilhelm von Hase, Dr. Petra Behrens (Konzeption + Texte), Karl Lehmann (Gestaltung der Ausstellung)
(Foto: Ralph Boehm)

"Münchner Illustrierte" vom 1. August 1959

Ist es nicht süß??!?


Die "Münchner Illustrierte" publiziert in Folge zum Thema:

"VOLKSGERICHTSHOF",

mit dem heutigen Untertitel

"Weil General Fritz Lindemann am Attentat auf Hitler beteiligt war, mußte er sterben. Seine Frau wurde verhaftet, die Söhne vom Volksgerichtshof verurteilt. Hitlers Rache machte auch vor der neunjährigen Marie -Louise nicht halt"


Die Sichtweise auf das Attentat ist in Deutschland (West anders als Ost) nachwievor ambivalent.
Die Sicht auf "Kinder des 20. Juli" wird in 1959 neu gewesen sein.
In der Bildunterschrift heißt es:

Hitlers jüngste Häftlinge.
Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, Marie-Louise Lindemann und Liselotte von Hofacker gehörten zu den Kindern, die Hitler in ein NSV-Lager bei Bad Sachsa im Harz verschleppen ließ.
Ihr einziges "Verbrechen" hatte darin bestanden, daß ihre Väter gegen den "Führer" gearbeitet hatten.



("Münchner Illustrierte", Nr. 33, vom 01. August 1959, S. 30 bis 33)

Elsa Müller geb. Verch, sie war in den letzten Monaten im Borntal verantwortlich für die Kinder,

 nimmt mit Datum 09.08.1959 zu diesem Artikel wie folgt Stellung (StABS ohne Nummer):

75. Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler,

20. Juli 1944

Rotes Rathaus und Bendlerblock
(Fotos Ralph Boehm, 19. und 20. Juli 2019)

(Harz Kurier, 25.07.2019)

"20/07/44 - 75 Jahre"
Fassade des Bendlerblocks, Stauffenbergstraße 13-14

Prof. Dr. Johannes Tuchel (Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und 
Geschäftsführer der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand) eröffnet die

Sonderausstellung
"Ihr trugt die Schande nicht..."
(Die frühe Erinnerung an den 20. Juli 1944).

Blick in die Sonderausstellung

Dr. Rainer Goerdeler während des Besuchs der Sonderausstellung

Dr. Rainer Goerdeler 

Blick in die Sonderausstellung

Dr. Rainer Goerdeler während des Besuchs der Sonderausstellung

Dr. Rainer Goerdeler 

79. Jahrestag des Attentats auf Adolf Hitler,

20. Juli 2023, Bendlerblock

(Fotos: Ralph Boehm)

Kurz vor dem Einlass zur Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Ehrenhof,  Bendlerblock, Stauffenbergstraße 13-14

"Kinder des 20. Juli 1944".
Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld (mit Gattin, sitzend) sowie

Helmtrud von Hagen (stehend) und Frauke Hansen (verdeckt).

"Stiftung des 20. Juli".
Baron Philipp Riedesel Freiherr zu Eisenbach und seine Frau Baronin Valerie Riedesel Freifrau zu Eisenbach (Kuratoriumsvorsitzende).

"Stiftung des 20. Juli".
Prof. Dr. Robert von Steinau-Steinrück (Vorsitzender des Vorstandes).

Bundesminister der Verteidigung Boris Pistorius nach seiner Rede.

"Stiftung des 20. Juli".
Baronin Valerie Riedesel Freifrau zu Eisenbach (Kuratoriumsvorsitzende).

Minister Boris Pistorius und Carsten Breuer (Generalinspekteur der Bundeswehr) legen Kranz nieder.

Dr. Axel Smend (Ehrenvorsitzender des Kuratoriums, mittig im dunklen Anzug), Karin Göring-Eckert (Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Abgeordnete für Thüringen, rechts).

"Kinder des 20. Juli 1944".
Volker Hayessen + Gattin

"Kinder des 20. Juli 1944".
Gebrüder Wessel und Andreas Freiherren Freytag von Loringhoven

 

"Kinder des 20. Juli 1944".

Rainer Goerdeler mit Gattin und Tochter.

Dr. Axel Hartmann (2014-2018 Bürgermeisterder Stadt Bad Sachsa)

Grete Boehm im Gespräch mit Daniel Quade (seit 2020 Bürgermeister der Stadt Bad Sachsa).

Die Stadt Bad Sachsa beabsichtigt,
die Gedenkausstellung (z.Zt. über der Tourist-Information, Am Kurpark 6, 37441 Bad Sachsa)
an den Ort zu verlegen, an dem die "Kinder des 20. Juli" in 1944 auf 1945
in Sippenhaft genommen wurden
(November 2025)

Auch in diesem Zusammenhang folgte

Karl Schenk Graf von Stauffenberg

der städtischen Einladung zu einem Impulsvortrag:

„Freiheit braucht Mut zur Verantwortung“

 Am 27.11.2025 um 19:00 Uhr 

 Im Kurhaus Bad Sachsa (Am Kurpark 6)

In bewegten Zeiten, in denen in ganz Europa politische Ströme versuchen unsere wehrhafte Demokratie anzugreifen, ist es wichtig, dass wir gemeinsam für diese hart errungene Freiheit der Demokratie einstehen, aber auch an die denken, die dafür gelitten oder sogar mit ihrem Leben bezahlt haben.

Aus diesem Grund arbeiten die Stadt, unser Stadtarchivar & ich seit über vier Jahren sehr intensiv daran, die bestehende Dauerausstellung der Helden des „20. Juli 1944“ & deren nach Bad Sachsa verschleppten Kinder an den Ort zu verlegen, an dem die Geschichte entstanden ist:
Im „Borntal“ sollen ein Museum & eine Erinnerungsstätte entstehen.

Folgendes Zitat hat mich tief bewegt & dazu geführt, diese Vision mit großen Kraftanstrengungen zu planen, voranzutreiben & für Unterstützer zu werben.

Der am 04. Mai 1945 von der US-Besatzungsmacht ernannte Bürgermeisters Willi Müller (SPD) sagte damals zu den verschleppten „Kindern des 20. Juli“:
„Und jetzt heißt ihr wieder so wie früher, ihr braucht euch eurer Namen und Väter nicht zu schämen, denn sie waren Helden.“

(Bürgermeister Daniel Quade vorab)

Bürgermeister Daniel Quade eröffnet den Abend.
(Vorabentwurf)

,,Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Ehrengäste,
liebe Gäste,
vor allem: lieber Karl Graf Schenk von Stauffenberg,

wir sind heute hier zusammengekommen – in Zeiten, die uns herausfordern.
In Zeiten, in denen politische Kräfte an den Rändern versuchen, unsere wehrhafte Demokratie ins Wanken zu bringen. Zeiten, in denen Gewissheiten erodieren und Werte, die wir lange als selbstverständlich empfanden, neu verteidigt werden müssen.

Gerade deshalb braucht es Orte wie unser Borntal.

Orte, an denen wir Geschichte nicht nur betrachten – sondern fühlen.
Orte, die uns vor Augen führen, was auf dem Spiel steht.
Orte, die uns daran erinnern, dass Freiheit nie einfach vorhanden ist,
sondern dass Menschen für sie aufgestanden sind, gelitten haben,
ihr Leben riskierten – und verloren.

Die Verantwortung, die uns die Geschichte aufgibt

Seit mehr als vier Jahren arbeiten die Stadt Bad Sachsa, und gerade unser Stadtarchivar Ralph Boehm und ich mit großer Entschlossenheit daran, ein besonders schmerzliches Kapitel der deutschen Geschichte dorthin zurückzubringen, wo es sich nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 auf dramatische Weise verdichtete: in unser Borntal.

Hier soll ein Museum entstehen.
Eine dauerhafte Erinnerungsstätte.
Ein Ort, der würdigt, was nie hätte geschehen dürfen – und der erzählt, was niemals vergessen werden darf.

Noch befindet sich die Ausstellung in der Tourist-Information. Doch dort ist sie nach unseren Wünschen nur zu Gast. 

Ihr Zuhause sollte am historischen, authentischen Ort sein.
Was viele Jahre Vision war, ist heute greifbar nah.

Ein Satz, der für mich alles verändert hat

Es gibt einen Moment, der mich seit Beginn dieser Arbeit begleitet.
Einen Satz, der mich nicht mehr loslässt – gesprochen am 4. Mai 1945 zu den Kindern, die hier im Borntal interniert worden waren.

Der kommissarische Bürgermeister Willi Müller von der SPD sagte zu ihnen:

 „Und jetzt heißt ihr wieder so wie früher, ihr braucht euch eurer Namen und Väter nicht zu schämen, denn sie waren Helden.“

Dieser Satz war nicht nur Trost.
Es war eine menschliche Umarmung in einer Welt, die monatelang nur Kälte kannte.
Es war ein Versprechen – und es ist bis heute eine Verpflichtung.
Unsere Verpflichtung.

Aus Respekt vor diesem Mann und seinem Mut hat der Rat der Stadt meinem Vorschlag zugestimmt, im Neubaugebiet eine Straße nach ihm zu benennen: den Willi-Müller-Ring.
Nicht nur wegen dieser Worte – sondern auch wegen seiner großen Verdienste für Bad Sachsa in den Jahren danach.

Das Schicksal der Kinder des 20. Juli

Im Sommer 1944 stürmte die Gestapo das Kinderheim „Bremen“ im Borntal.
Kinder und Schwesternschülerinnen wurden aus ihren Betten gejagt. Vier Häuser wurden hastig hergerichtet – ausgelegt für bis zu 200 Kinder, vom Säugling bis zum Jugendlichen.

Es waren die Kinder der Männer vom 20. Juli 1944.
Kinder von Widerstandskämpfern, deren Mut wir heute als Teil unseres demokratischen Selbstverständnisses begreifen.

Ihre Mütter wurden als „Sippenhäftlinge“ in Lager und Gefängnisse verschleppt.

Den Kindern nahm man:

Ihre Namen.
Ihre Identität.
Ihre Geschwister.
Ihre Vergangenheit.

Am Ende kamen nicht 200 Kinder hier an – sondern 46.
Nur 18 von ihnen blieben bis Kriegsende im Borntal.
Diese 18 sollten wenige Wochen vor Kriegsende nach Buchenwald deportiert werden.

Ein Luftangriff verhinderte den Transport – und rettete ihnen das Leben.

Als amerikanische Truppen Bad Sachsa erreichten, stellte Bürgermeister Willi Müller die Kinder unter seinen persönlichen Schutz.
Für viele war es der erste Moment von Menschlichkeit nach Monaten der Angst.

Viele dieser Kinder – viele heute leider nicht mehr unter uns – trugen die Narben dieser Zeit ihr Leben lang. Und dass ein Enkel eines dieser Kinder heute hier ist und gleich zu uns sprechen wird, erfüllt mich mit tiefer Demut.

Unser Auftrag: Erinnern – für die Zukunft

Seit 2016 gibt es die Dauerausstellung „Kinder des 20. Juli“.
Sie wird ideell getragen von der Stiftung 20. Juli 1944 und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand – dafür spreche ich meinen aufrichtigen Dank aus.

Doch diese Ausstellung braucht ihren Ort.
Diesen Ort.
Das Borntal.

Von den historischen Gebäuden stehen nur noch drei. Eines wurde bereits denkmalgerecht saniert. Zum ersten Mal hat die Stadt Bad Sachsa die Chance, eines dieser Häuser zu erwerben.

Eine Chance, die wir nutzen müssen.

Förderung – und eine große Bitte

Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages hat am 28. September 2023 unser Vorhaben in das Programm „KulturInvest“ aufgenommen und mit 1.130.000 Euro gefördert.
Das Land Niedersachsen hat zusätzlich 300.000 Euro bereitgestellt.

Das sind großartige Nachrichten.
Ein starkes Signal für die nationale Erinnerungskultur.

Doch trotz dieser Hilfe bleiben unsere Möglichkeiten begrenzt.
Deshalb werben wir weiter – ernsthaft, eindringlich und im Bewusstsein des historischen Augenblicks – um zusätzliche Unterstützung.

Nicht für uns.
Nicht für die Stadt.
Sondern für die Kinder, deren Schicksal sich hier erfüllte.
Für die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.
Für unsere Demokratie.

Unterstützung – und der Blick nach vorn

Wir stehen im engen Austausch mit Prof. Dr. Wagner von der Stiftung Buchenwald und Mittelbau-Dora. Und wir erfahren die wertvolle Unterstützung der Stiftung 20. Juli 1944 sowie der Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

All diese Stimmen sagen unmissverständlich:

Dieses Erinnerungsprojekt ist nicht lokal.
Es ist national bedeutsam.

Und wir haben vielleicht zum letzten Mal die Chance, dass Zeitzeuginnen und Zeitzeugen die Eröffnung dieses Ortes erleben – vielleicht sogar gemeinsam mit uns den „Baum der Hoffnung“ pflanzen.

Ein Zeichen.
Ein Vermächtnis.
Ein Geschenk an die kommenden Generationen.

Meine Damen und Herren,
Bad Sachsa ist ein Ort der Geschichte – und ein Ort der Verantwortung.

Erinnerung ist keine Last.
Erinnerung ist ein Auftrag.

Wenn wir die Geschichten dieser Kinder erzählen, erzählen wir die Geschichte der Menschlichkeit inmitten der Unmenschlichkeit. Und wir sagen damit klar und deutlich:

Nie wieder.
Nicht hier.
Nicht irgendwo.

Ich danke Ihnen von Herzen, dass Sie heute hier sind und dafür sorgen, dass diese Geschichte nicht verstummt. Auf das, was wir genau geplant haben, werde ich am Ende des Abends nochmal eingehen.

Stadtarchivar Ralph Boehm schließ an.
(Vorabentwurf)
 
 Erinnerung

Ich erinnere mich...
Fast auf den Tag vor 65 Jahren
Es war Nikolaustag..
Große Freude! Süssigkeiten und
Ich bekam ein kleines Kegelspiel geschenkt.
9 Holzfiguren und eine Kugel, halb schwer/halb leicht.
Vermutlich hatten die Kinder des 20. Juli ebenso ein behütetes Zuhause.

Bis die Nazi kamen, die Kinder abholten und nach Bad Sachsa verschleppten.

Kinder: Nicht wissend, warum sie hier sind,
was ist mit den Eltern – ich will nach Hause.

Das jüngste Kind wenige Wochen alt, vielleicht 60 Zentimeter, Dagmar Hansen.
Das älteste Kind, mit 16 Jahren Wilhelm Graf Schwerin von Schwanenfeld.

80 Jahre her.

Deutschland tat sich schwer mit der Erinnerung/tut es noch – besser tut es wieder.

Axel Hartmann, Ex-Bürgermeister dieser Stadt, sagte anläßlich der Eröffnung unserer Gedenk-ausstellung vor rund 10 Jahren:

Die Bad Sachsaer haben das totgeschwiegen,

 gemeint war die Erinnerung an die Geschehnisse 1944/1945.
 Ich denke, das war hier so – wie leider eben auch anderswo.

 EX-Bürgermeisterin Helene Hofmann und meinem Vorgänger als Stadtarchivar,
Günter König, ist es zu verdanken,  dass Bad Sachsa erstmals 1998 die Kinder des 20. Juli eingeladen hatten. Im Zusammenwirken mit der Forschungsgemeinschaft 20. Juli.
50 Jahre danach...
Einige kamen, unter Ihnen auch Mitglieder der Familie Stauffenberg
Viel gesprochen wurde nicht.
 
Es gab in der Folge mehrere Einladungen nach Bad Sachsa. Insbesondere im September 2014.
Wir hatten in den Blauen Salon geladen, rechneten mit 20, vielleicht 30 Zuhörern...
Es kamen nicht 20 – es kamen über 200.
Wir nahmen unsere Stühle in die Hand,
zogen um in diesen Kursaal.
Friedrich-Wilhelm von Hase und Dr. Karsten Hansen,  beides „Kinder des 20. Juli“, lasen aus ihren Büchern. - Spannung.           Man hätte die vielzitierte Stecknadel fallen hören können!
Am darauf folgenden Tage gingen wir zusammen ins Borntal.
Improvisierten dort kurzum ein Kaffeetrinken, Grillen in Haus 2. Gespräche in offener Atmosphäre.

In diesem September 2014 hatte sich, so habe ich das empfunden, dreierlei verändert:

1) Die Kinder konnten erstmals untereinander über ihre Erlebnisse in Bad Sachsa sprechen
 (sie waren zwar zusammen in der Schule, im Urlaub – aber darüber sprechen?)

2) Die Kinder sahen Bad Sachsa nicht mehr nur als das, was sie ehedem haben kennenlernen müssen.

und 3) Die Bad Sachsaer haben diesen Teil der Geschichte als ihren Teil begriffen.
Daran haben wir in der Folge bis heute anknüpfen können.
____________________________
Dr. Karsten Hansen hat uns bereits 2023 verlassen...
In diesem Jahr folgte ihm im Juni Albrecht von Hagen...
(mit seiner Schwester Helmtrud stehen wir im Briefwechsel)
und Friedrich-Wilhelm von Hase hat
uns vor 4 Wochen verlassen.

Ich darf Sie bitten, sich von Ihren Plätzen zu erheben
um einen Augenblick innezuhalten in Gedanken an diese Drei,
die jeder auf seine Art, erinnert haben,
stellvertretend für alle Kinder des 20. Juli 1944,
uns erinnern an
die Schrecken des Nationalsozialismus.
Und Sie fehlen uns - menschlich!
________________________________

Der Tod ist Teil des Ganzen, Kinder sind es auch, Enkelkinder erst recht!
Ich bin/wir sind gespannt auf Erinnerungen und mehr.
Ich darf Sie bitten, Karl Schenk Graf von Stauffenberg.
_____________________________________________________________________


Bürgermeister Daniel Quade zur Veranstaltung am Folgetag auf Facebook:

Was für ein Abend. Was für Worte. Was für ein Moment des Innehaltens

Manchmal kam man Hollywood auch etwas Positives abgewinnen. Der Film „Operation Walküre“ mit Tom Cruise brachte viele jüngere Menschen erstmals oder andere erneut mit dem deutschen Widerstand rund um Claus Schenk Graf von Stauffenberg in Berührung 

Gestern wurde diese Geschichte bei uns lebendig:

Über 180 Besucherinnen und Besucher kamen ins Kurhaus, um den Impulsvortrag von Karl Schenk Graf von Stauffenberg, dem Enkel des Widerstandskämpfers, zu hören. Der Saal war sehr gut gefüllt  

Mit großer Offenheit sprach er darüber, wie das Erbe seines Großvaters sein Denken prägt, was Freiheit für ihn bedeutet und wie seine Familie mit dieser mutigen, schweren Geschichte lebt. Sein Fazit hallt nach und war auch Titel des Vortrages:

„Freiheit braucht Mut zur Verantwortung.“ 

In der anschließenden Fragerunde öffnete er sich weiter. Keine Frage blieb unbeantwortet.
 

Eine Geschichte berührte mich besonders:

Kurz vor Kriegsende sollten die 18, bis dahin noch in Bad Sachsa verbliebenen, „Kinder des 20. Juli“ der Widerstandsfamilien ins KZ Buchenwald deportiert werden - darunter sein Vater  

Ein Luftangriff verhinderte den Transport – und rettete ihnen das Leben  

Die Kinder waren jedoch unendlich traurig, nicht nach Buchenwald gebracht zu werden. Man hatte ihnen gesagt, dort würden ihre Familien auf sie warten.

Ein Gedanke, der heute unfassbar bewegt, innerlich aufwühlt, aber damals aus Kindersicht so verständlich war 

Mein herzlicher Dank gilt Karl Graf Stauffenberg, Ralph Boehm und all unseren Unterstützern: der Bad Sachsa Holding GmbH, Glückburg Consulting GmbH, dem Landkreis Göttingen, unserer Tourist-Information, dem Romantischen Winkel & unserem Wintersport- & Heimatmuseum 

Wir arbeiten mit viel Leidenschaft daran, dass die Geschichte der „Kinder des 20. Juli 1944“ an ihren Ursprungsort zurückkehrt – und im Borntal ein Museum mit Erinnerungsstätte entstehen kann 

Bürgermeister Daniel Quade, Klaus Schenk Graf von Stauffenberg, Ralph Boehm

Bürgermeister Daniel Quade

Klaus Schenk Graf von Stauffenberg

Ralph Boehm

Blick in den Kursaal Bad Sachsa (5 Fotos: Daniel Quade)

Eine persönliche Bücherauswahl zum Thema "Kinder des 20. Juli":

Friedrich-Wilhelm von Hase:
"Hitlers Rache. Das Stauffenberg-Attentat und seine Folgen für die Familien der Verschwörer".

 
Verlag: SCM Hänssler, 2014.

Valerie Riedesel, Freifrau zu Eisenbach:
"Geisterkinder. Fünf Geschwister in Himmlers Sippenhaft."

Verlag: SCM Hänssler, 2017

Ann Bausum:
"ENSNARED IN THE WOLF`S LAIR -  Inside the 1944 PLOT to Kill HITLER and the GHOST CHILDREN of His Revenge".

National Geographic, Washington D.C., 2021

HITLERS ZORN

DIE KINDER VON BAD SACHA

ein Film von Michael Heuer


zu sehen auf NDR:


https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/unsere_geschichte/Hitlers-Zorn-Die-Kinder-von-Bad-Sachsa,unseregeschichte798.html?fbclid=IwAR3EF1E10uQZ3o321o9S34_Ih_FMciZNITzCJeR-vdqGepcxJP0HInc3hjE

BORNTAL

chronologisch
(In Arbeit!!!)

Teil 1 (ab 1935): Die Daniel Schnakenberg-Stiftung

Das "Gerdchen" Jaritz, zur Zeit Gruppe 8 im N.S.V. Kindererholungsheim Bad Sachsa Harz, schreibt an seine Eltern in Osnabrück:


"Liebe Eltern.

Herzlichen Gruß aus Bad Sachsa.
Wir sind schon auf die Berge gewesen. Wir sind über Melle und Bünde gefaren. Wir sind in gruppe Acht.
Hier sind 7 Häuser. Hier sind im ganzen 240 Kinder.
Mir gefällt es hier gut. Es grüßt nun Gerdchen"
.

N.S.V.-Kindererholungsheim Bad Sachsa - Borntal

(25.11.1940, AK Avers + Revers, Slg. Ralph Boehm)


Aus Bad Sachsa schreibt Elisabeth Zibell, Gruppe 8 im "N.S.V. Kindererholungsheim Bad Sachsa Harz" an Gerhard Jawitz [siehe die Karte zuvor]:


"B. Sachsa, d. 11.5.(19)41

Lieber Gerd.
Ich habe mich sehr zu Deiner Osterkarte gefreut und danke Dir und Deinen Eltern dafür.
Wie geht es Dir, denkst Du noch manchmal an Bad Sachsa? Ich würde mich freuen, wenn Du bald  wieder einmal schreibst.
Dir u. Deinen Eltern die herzl. Grüße v. Elisabeth Zibell
".

N.S.V.-Kindererholungsheim Bad Sachsa - Borntal

(25.11.1940, AK Avers + Revers, Slg. Ralph Boehm)


Teil 2 (bis 1939): Saarländer im Borntal

Die hellen Seiten der Kinderverschickung und des Kinderkrankenhauses

am Beispiel der Einrichtung
Im Borntal

Teil 3 (1944/1945): Die "Kinder des 20. Juli" siehe weiter oben 

Teil 4 (1945): Die Kinderheilanstalt Dresden und das Kinderkrankenhaus

"Liebe Mutti!

Heute möchte ich Dir ein mal schreiben. Warum habt ihr mir nicht früher geschrieben? Mir geht es gut, dasselbe hoffe ich auch von Dir. Wann ist Gitte nach hause gekommen. Mutti ich war vorrige Woche krank Kopfschmerzen, aber du brauchst Dir keine Sorge zu machen, ich darf schon wieder aufstehen."

Märchenwiese im Borntal

(18.08.1947, AK Avers + Revers, Slg. G. Angermüller)

Ärzte im Borntal:

Dr. Kronberg

Dr. Wilhelm
Dr. Karg (u.a. Behandlung von Mukoviszidose)
Dr. Abdel Rahman Mohamed el Nur

Dr. Abdel Rahman Mohamed el Nur:
Dissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Medizin des Fachbereichs Medizin der Universität Hamburg, 1984

Titel
"Aus dem Kinderkrankenhaus IM BORNTAL, Bad Sachsa / Chefarzt Dr. med. F. Karg"

Lebenslauf
"... 1974 - 1976 Kinderarzt am Kinderkrankenhaus
IM BORNTAL in Bad Sachsa..."

Danksagung
"Die Untersuchungen zu dieser Arbeit konnten am Kinderkrankenhaus in Bad Sachsa durchgeführt werden. Dafür gebührt mein Dank dem Leiter des Kinderkrankenhauses, Herrn Dr. med. F. Karg."

O. W. Metz und Sigrid Metz:
Schwangerschaft und Geburt bei Mukoviszidose - Resultate der Deutschland Studie
(May 1992 Klinische Pädiatrie 204(03):145-149) (20.03.2026, www.researchgate.net/publication/235794902)


Die von O. W. Metz und Sigrid Metz aus der „Klinik für Kinder- und Jugendmedizin,
Im Borntal 1-7, Bad Sachsa
veröffentlichte Arbeit aus dem Jahr 1992 (veröffentlicht in Klinische Pädiatrie und Monatsschrift Kinderheilkunde) untersuchte 31 Schwangerschaften bei 27 Frauen mit Mukoviszidose (Cystische Fibrose, CF) im Zeitraum von 1980 bis 1990/1991 (Google KI 20.03.2026):
 In einer Studie in Deutschland wurden 31 Schwangerschaften bei 27 Frauen mit Mukoviszidose erfaßt, die im Zeitraum 1980 bis 1991 schwanger wurden. Diese Studie ist die derzeitig umfargreichste Datensammlung über Schwangerschaft und Geburt bei Mukoviszidose nach US-amerikanisch-kanadischen Studie von 1980. In der deutschen Studie erwies sich, daß offensichtlich nur symptomarme Frauen sciwanger werden: Diagnose der Mukoviszidose erst mit durchschnittlich 9,2 Jahren und bei 96,5 % zufriedenstellender prägravider Shwachman-Kulczycki-Scorewert. Die Schwangerschaftskomplikationen waren gering. Im Vordergrund standen pulmonale Exazerbationen (18 Schwangerschaften) und unzureichende Gewichtszunahme der Frauen mit durchschnittlich 7,2 kg. Artefizielle Aborte wurden bei fünf Schwangerschaften durchgeführt und Spontanaborte wurden nicht beobachtet. Mütterliche Todesfälle während der Schwangerschaft und Geburt wurden nicht berichtet. Mehr als Œ der Neugeborenen waren Frühgeborene. Alle Kinder hatten normale Schweißtestergebnisse. 21 Frauen konnten erfolgreich stillen. Der mütterliche Gesundheitszustand verschlechterte sich bei 15 Frauen, allerdings nur leichten (10) bis mäßigen Grades (4). Bemerkswert war, daß unter 26 Kindern 21 männlich waren. In dieser Studie wurde das unerwartete Ergebnis erreicht, daß unaffizierte, heterozygote Kinder von Frauen mit Mukoviszidose bevorzugt männlich sind. 

Vorwort
Wenn Eltern eines Kindes mit der Diagnose Mukuviszidose konfrontiert werden, bricht zunächst einmal eine Welt zusammen.
Alle Träume, die man für die Zukukunft seines Kindes und die ganze Familie hatte, scheinen zu zerplatzen. Der Gang zum Medizinlexikon zu Hause eröffnet ihnen bedrohliche Aussichten eine unheilbare Erkrankung, die durch langsame Zerstörung der Lunge zu einem frühen Tod führt.
Auch wenn die Ärzte die Prognose dieser Erkrankung heute wesentlich günstiger einschätzen, bleibt eine starke Verunsicherung und viele Fragen, wie man mit dieser Krankheit leben kann, bleiben offen.
Nicht alle Eltern haben die Möglichkeit oder auch den Wunsch, gleich den Kontakt zu anderen Betroffenen zu suchen.
In dieser Phase kann das vorliegende Buch eine wertvolle Hilfe sein...

Ärztlicher Direktor  der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin IM BORNTAL war Herr Priv.-Doz. Dr. med. O. Metz.

Zu den Ansprechpartnern der Selbsthilfegruppe Erwachsene mit CF gehörte auch die Familie Pfeiffer, die aufgrund der Erkrankung ihres Kindes nach Bad Sachsa zogen
(Peter Pfeiffer, Uffestr. 43, 37441 Bad Sachsa)

Seit 1989 das Mukoviszidose-Gen entdeckt worden ist, setzen alle ihre Hoffnung
auf die Gentherapie. Vielleicht wird Mukoviszidose in nicht allzu ferner Zukunft
die erste Krankheit sein, die sich durch genetische Behandlung ursächlich
therapieren läßt.
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Wichtiger Hinweis:

Die moderne Mukoviszidose-Behandlung (Cystische Fibrose) findet heute in hochspezialisierten, zertifizierten Mukoviszidose-Ambulanzen und Zentren (wie dem Christiane Herzog-Zentrum) statt, welche an große Universitätskliniken angebunden sind. Für aktuelle Behandlungen
ist das Borntal in Bad Sachsa keine primäre Fachklinik mehr.

Teil 5 (ab xxxx): Diakonissen im Borntal   [....in Arbeit...]

1962:

Die Hamburger Sturmflut vom 16./17.02.1962

 Das Wasser der Elbe stieg auf 5,70 Meter über dem mittleren Hochwasser; nachts brachen die Deiche.

Mehr als 300 Menschen starben und tausende wurden obdachlos; das führte zu großer Hilfsbereitschaft in ganz Deutschland,

so auch in Bad Sachsa und insbesondere im BORNTAL

(BSN, 21.02.1962)

(16.02.1962, Chronik der DRK-Bereitschaft, S. 35)

Die Kinder kamen mit Koffern, aber sie waren leer..."

links: Hannah Börgardts, 1. Vorsitzende des Ortsvereins von 1948-1970, hält in der "Chronik der DRK-Bereitschaft" fest (auf S. 7).

unten: Hannelore Klaus erinnert sich auf Facebook (ca. 02.02.2026):

Ich war 5 Jahre und kann mich daran erinnern, dass in Tettenborn ein Bus mit Kindern aus Hamburg ankam, die hatten alle Pappschilder um mit Namen drauf. Ein Mädchen in meinem Alter hat dann bei uns gewohnt. Meine Eltern haben ihr Kleidung gekauft. Später kam als Dank ein Paket mit einem Teddybär für mich an.

"1984: Erweiterung des Kinderkrankenhauses "Im Borntal" um einen Kliniktrakt"

Kinderkrankenhaus im Borntal mit Haus 5

(1956, AK Revers, Slg. R. Boehm)


"Heute will ich euch nur eine Karte schreiben weil ich noch rechnen machen muß"

Kinderkrankenhaus im Borntal mit Haus 5

(1956, AK Avers, Slg. R. Boehm)


Kurdirektor Wilfried Meyer 1977 zu einem Pressegespräch in Berlin
"...Umgeben von bunten Mischwäldern mit uralten Baumbeständen liegt der Kurort in windgeschützten sonnigen Tälern.
Es gibt eine Diabetesklinik seit einem Jahr und andere hervorragend ausgestattete Kurkliniken, die bislang keinen Belegungsrückgang hatten.
1976 entfielen von rund 600.000 Übernachtungen insgesamt rund 250.000 Übernachtungen auf Kurkliniken, Sanatorien und Kurheime.
Im Kinderkrankenhaus im Borntal wird neben der Akutversorgung eine kurklinische Abteilung für asthmakranke Kinder aus der ganzen Bundesrepubok angeboten. Im Jahresschnitt werden dort 1.000 Kinder erfolgreich behandelt.
In einer weiteren Abteilung werden übergewichtige Kinder von ihren Pfunden befreit. Auch hier kommen die Patienten aus der ganzen Bundesrepublik. Im Jahresschnitt werden ca. 150 Kinder dort behandelt.
Das Klima, die Höhenlage und die unterschiedlichen Möglichkeiten dieser Landschaft mit Termperaturgleichheit und Nebelfreiheit sind mit Grundlagen der Heilerfolge..."
(StABS, ohne Nummer)

Prof. Dr. Alexander Nützenadel:
Verzeichnis der Kinderkurheime in der Bundesrepublik 1945-1989
(Berlin, 15. Mai 2025):
Kinderkrankenhaus "Im Borntal"
Früheste Erwähnung: 1956
Träger: Diakonissen-Mutterhaus Kinderheil, Bad Harzburg, Innere Mission
Trägertyp: Diakonie / ev. Träger
Vertragspartner: Vertragsheim der LVA Rheinprovinz (1977)
Zielgruppe: 60 Kleinkinder, 80 Schulkinder, 30 Jugendliche, 10 Erwachsene; Schulkinder, Jugendliche, männlich und weiblich (1968)
Bettenanzahl: 180 (1977)
Quellen: Folberth 1964, S. 158; Folberth 1956, S. 121; VDR 1977, S. XII/67f.; Kubale 1968, S. 47


Dem Herbert Ahrens-Bildarchiv verdanken wir die folgenden Aufnahmen aus dem Sommer 1977
(Mehr zu Herbert Ahrens und seinem Archiv: https://harz-history.de/archives/1)

Das neuerbaute Schwersternwohnheim

Teil 6 (1987): Tschernobyl und das Borntal     (IN ARBEIT)

 

Von Nastassia Reznikava und Jutta Schwengsbier
 
"Atomkatastrophe vor 32 Jahren  -  Die Kinder von Tschernobyl"

Sie fragen sich vielleicht, was dieses Foto (Aufnahme Ralph Boehm, 28.01.2024) mit dem Text darüber und darunter zu tun hat??? Es hat nichts miteinander zutun!!!
Das ursprünglich an dieser Stelle befindliche Foto 
[2018-04-26, Kinder aus einer der Tschernobyl-Reaktorkatastrophe betroffenen Region in Weißrussland kommen für ein Ferienaktion in Hannover an
(picture alliance-dpa-Holger Hollemann in Deutschlandfunk am 26.04.2018)]
haben wir umgehnd entfernt aufgrund des Erhalts der Briefe (17.01.2024 ff) mit dem Vorwurf der
"Urheberrechtsverletzung auf Ihrer Webseite heimatmuseum-bad-sachsa.de" durch die
"ksp. RECHTSANWÄLTE"
Den geforderten Betrag in Höhe von 252,32 € haben wir fristgemäß am 19.02.2024 per PayPal überwiesen....

 "Werden sie in einem Jahr noch spielen?"

"Tschernobyl-Kinder brauchen dringend chemotherapeutische Behandlung"

(ca. 10.09.1991, Harz Kurier

 

In der "taz. die tageszeitung" wird am 14. März 1996 auf Termine zum 10. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl hinweisen; u.a. auf "16.3. Salzgitter-Lebestedt, 17.3. Bad Sachsa: Rock-Requiem „Die Kinder von Tschernobyl“ Info: Kontakte Musikverlag, Koltackerweg 26, 59558 Lippstadt, Tel.: 02941/6582,86, Fax: 02941/658287". Bereits 1991 fand die Uraufführung dieses Rock-Requiems „Die Kinder von Tschernobyl“ statt, das auf 200 Aufführungen kam. Auf Einladung des Ministerpräsidenten Johannes Rau war der deutsche Kinderliedermacher Reinhard Horn mit seiner Gruppe in Minsk (vgl. Wikipedia,  https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhard_Horn, 05.01.2024).


 

In der "Süddeutschen Zeitung" wird am 17. Mai 2010 (sic!) der Bad Sachsaer Einwohner zitiert im Artikel

"20 Jahre nach der Reaktorkatastrophe, TSCHERNOBYL - WO LIEGT DAS EIGENTLICH?" :


Carsten Salander, 72, Bad Sachsa, Kernphysiker, Ex-Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Wiederaufbereitung von Kernbrennstoffen

Es gibt eigenartige Zufälle: Genau am Tag des Reaktorunglücks haben wir mit einem Siemens-Konsortium den Vertrag zum technischen Bau der WAA Wackersdorf unterzeichnet. Es war wie ein Omen. Wir haben ja vom Störfall erst Tage später erfahren. Zwar bin ich heute noch der Meinung, dass ein Unfall in dieser Form bei uns nicht passieren kann. Doch auch uns Kernphysiker hat das Ereignis bestürzt. Bei den radioaktiven Auswirkungen war schnell klar, dass es sich um das bis dahin schlimmste Reaktorunglück handelte. Wir wollten verstehen, was da physikalisch abgelaufen sein könnte. Über den Reaktortyp war ja im Westen praktisch nichts bekannt. Ich habe deshalb mit Kollegen in England telefoniert, die Erfahrungen mit Graphitreaktoren hatten. Nach und nach mussten die Sowjets Details preisgeben. Da war unser Entsetzen über die Konstruktion und die grobe Fahrlässigkeit der Reaktormannschaft noch größer. 

Kinder aus Weißrussland besuchen Bad Sachsa
Viel Spaß im Spaßbad

 Mittlerweile ist es schon zur schönen Tradition geworden, dass das Salztal Paradies Bad Sachsa jedes Jahr 20 Kinder und Betreuer aus der Region Gomel einlädt. Diese liegt in Weißrussland unweit der Stadt Tschernobyl. 
Seit über 20 Jahren organisiert die Dritte-Welt-Initiative Nordhausen bereits Ferienaufenthalte für Kinder aus dieser Region, die von unzähligen freien Helfern erst ermöglicht werden. 
Bei einem dreistündigen Badevergnügen haben die Kinder die Möglichkeit den Sorgen des Alltags zu entfliehen. Alle Kinder genossen sichtlich den Besuch im Salztal Paradies und werden zu Hause jede Menge über die tollen Tage in der Region zu berichten haben. 

Der Geschäftsführer der Bädergesellschaft Bad Sachsa, Martin Völz, freut sich über so viel Anklang und würde sich freuen, auch im nächsten Jahr wieder helfen zu dürfen.


(29.07.2019 Harzkurier 15.07 Uhr online)
(Foto © Bädergesellschaft Bad Sachsa | Theresa Kirchner)

Durch die Abschaffung der kinderärztlichen Versorgung im Borntal sind die Wege weit geworden. Eine weitere Verschärfung erfolgte duch die Schließung der Geburtsstation und der Gynäkologie  im Krankenhaus Herzberg.

Der Harz Kurier fasst es am 06.07.2024 wie folgt zusammen:

"So weit ist es bis zum nächsten Kreißsaal"

Teil 7 (ab 2000): Auch hier übernimmt der Tourismus die Regie

Teil 8