Villa Nora / seit 1929 Rathaus

Bismarckstraße 1

Villa Nora

Baujahr: 1885/1886
(1939, AK: Slg. R. Boehm 2248)

Der Rentier Conventes erbaut sich 1885/1886, "am Rande der Stadt" ein für damalige Verhältnisse großzügiges Haus; das äußere Erscheinungsbild ist noch recht bescheiden.

Zur Hochzeit der Tochter Nora am 18.08.1910 wurde das Essen vom Hotel Adlon (Berlin) (sic!) nach Bad Sachsa gebracht...

(1910, Foto: Slg. R. Boehm)
Es soll an nichts gefehlt haben zur Hochzeit von Nora Deibel mit ihrem Gatten Ostermann.

Blick von der Seite

(1930er, Foto: Slg. R. Boehm 5360) 

Von der Fabrikantenvilla zum Rathaus

Das heutige Rathaus ist eines der bemerkenswertesten Gebäude der Stadt, welches seine Entstehung dem Ruf Sachsas als Kurort mit guter Luft verdankt. Untrennbar verbunden mit dem Gebäude ist einer der größten Wohltäter der Stadt Bad Sachsa, der Unternehmer Louis Deibel.

 

Dass er einmal diese Rolle in Bad Sachsa spielen sollte, war Louis Deibel nicht in die Wiege gelegt worden. Diese stand inmitten des sich formenden Ruhrgebiets in Gelsenkirchen, wo er 1856 als Sohn eines Architekten geboren wurde. Seiner kränkelnden Frau wegen wurde ihm um die Jahrhundertwende in St. Petersburg, wohin es ihn schon in jungen Jahren verschlug und wo er mit Holzhandel reich wurde, ein Umzug nach Sachsa empfohlen. Sein Schwiegervater, der bayerische Bierfabrikant von Fleckinger aus München, erwarb 1901 für ihn das seit 1892 leer stehende Haus und Grundstück des Ziegeleibesitzers Carl Conventes. Das Haus ließ Deibel für sich und seine Familie bis 1905 zur nach seiner Tochter so benannten „Villa Nora“ umbauen (in der Zwischenzeit wohnte er im „Badehaus“ und dinierte im Hotel Schröder) und ergänzte diese 1906 durch die Anlage eines Parks, das hölzerne „Teehäuschen“ und das „Palmenhaus“, welches, wie wir schon gelesen haben, an der Stelle einer Mühle entstand. Der Umbau des Hauses zu einer Jugendstilvilla stand unter der Leitung der Architekten Fastje und Schaumann aus Hannover. Bis heute haben sich die Schnitzereien (außen wie innen), Bleiverglasungen und Ledertapeten in diesem äußerst sehenswerten, denkmalgeschützten Gebäude erhalten. Ein ausstattungstechnisches Juwel stellt der heute noch als Sitzungssaal genutzte frühere große Saal im Erdgeschoss dar. Bemerkenswert ist auch das hölzerne Eingangstor an der Bismarckstraße, und auch die 1906 fertig gestellte Mauer, die bis heute Teile des Grundstücks umzieht, sei nicht vergessen.   

 

Um Deibel, der über Verbindungen bis ins Kaiserhaus verfügte und oft „hohen Besuch“ empfing, und seine Familie (zeitweise samt russischem Kindermädchen) entfaltete sich ein reges gesellschaftliches Leben. Der Unterhalt beider Häuser und des Parks erforderte aber auch viel Personal. Geld war – noch – vorhanden: Zur Hochzeit der Tochter wurde, wie man in Bad Sachsa erzählt, das Essen aus dem Hotel Adlon in Berlin herbeigeschafft… Deibel kaufte eine Ziegelei in Nordhausen, brachte Kapital in die hiesige Gipsindustrie ein, erwies sich in vielfältiger Weise als Wohltäter für die Stadt und ihre Bürger, engagierte sich auch kommunalpolitisch und wurde 1929 zum „Stadtältesten“) ernannt. Mit der Wohltäterschaft war es freilich schon 1928 vorbei, denn sein Unternehmen geriet in einen von ihm selbst nicht verschuldeten Konkurs. Er musste die „Villa Nora“ mit Palmenhaus und Park an die Stadt verkaufen, die es seit 1929 als Rathaus nutzt, während im Palmenhaus später das Bauamt und das städtische Forstamt residierten. Aus dem Park der Villa wurde der Stadtpark. Der Heimatbrunnen mit dem „Urschmerl“ wurde hier erst 1962 errichtet.

   

Louis Deibel blieb in Bad Sachsa, wohnte zuletzt allerdings in sehr bescheidenen Verhältnissen in der Ringstraße, wo er 1933 auch verstarb. Die Stadt machte ihn 1933 posthum zum Ehrenbürger und ehrte ihn darüber hinaus 1936 mit einem Gedenkstein im von ihm angelegten Stadtpark.

Wohnhaus - Töchterschule - Privatvilla - Rathaus - Museum...?

08.04.1929, Brief an die Stadt Bad Sachsa von "Albinmüller ("Ankauf und Einrichtung des neuen Rathauses", StABS I,17,4 vol. 2).

Der Jugendstil-Architekt Prof. Albin Müller (sign. "Albinmüller") plante um 1929 einen Anbau, der aber nicht zur Ausführung gelangte.

Luis Deibel

(Foto: Nachlaß "Deibel", StABS bisher ohne Nr.) 

Der heutige Stadtpark

(1908, AK: Slg. R. Boehm 1027)