Villa Nora (seit 1929 Rathaus) mit Palmenhaus

Bismarckstraße 1 und Schulstraße 2

Villa Nora

Bismarckstr. 1; Baujahr: 1885/1886
(1939, AK: Slg. R. Boehm 2248)

Der Rentier Conventes erbaut sich 1885/1886, "am Rande der Stadt" ein für damalige Verhältnisse großzügiges Haus; das äußere Erscheinungsbild ist allerdings noch recht bescheiden.
In den Folgejahren wird es zeitweilig als Mädchenpensionat geführt.
Bereits 1900 hatte sich in Sankt Petersburg im fernen Russland der millionenschwere Holzindustrielle Louis Deibel mit seiner Familie auf den weiten Weg nach Deutschland begeben, da seine junge Frau das russische Klima nicht vertrug; Elisabeth, geb. von Fleckinger, war an den Bronchen schwer erkrankt und der konsultierte Arzt hatte Sachsa als den geeignetsten Ort für sie empfohlen.

Villa Nora

Baujahr: 1885/1886                                     (1930 oder 1931, Foto: Slg. R. Boehm)

Man kam gerade zur rechten Zeit, um die Villa des Ziegeleibesitzers Conventes erwerben zu können. Der ebenfalls vermögende Schwiegervater (Besitzer einer Brauerei in Bayern) ließ es sich nicht nehmen, das zukünftige Haus zu bezahlen.
Um das Gebäude seinen gesellschaftlichen Ansprüchen anzupassen, ließ Deibel es zunächst durch die besten Kunst- und Handwerker im nordischen Stil umbauen und ergänzte es um ein Parkanlage (dem heutigen Stadtpark) mit Palmenhaus. Während der sechs Jahre dauernden Renovierung und Umgestaltung logierte die Familie im Hotel Schützenhaus (Heute Vitalhotel Schützenhaus) und ging zum Essen regelmäßig auch in das Hotel Schröder (heute Schützenstraße 20).


Zur Hochzeit der Tochter Nora am 18.08.1910 wurde das Essen vom Hotel Adlon (Berlin) (sic!) nach Bad Sachsa gebracht...

(1910, Foto: Slg. R. Boehm)
Es soll an nichts gefehlt haben zur Hochzeit von Nora Deibel mit ihrem Gatten Osterman.

Die Wirtschaftskrise der 1920er Jahre und die kaufmännisch ungeschickte Hand des Schwiegersohnes ließen Deibel die nach seiner Tochter Nora benannte Villa 1929 an die Stadt Bad Sachsa verkaufen, die es seit dem als Rathaus nutzt.
Deibel starb 1933 in bescheidenen Verhältnissen und wurde posthum zum Ehrenbürger der Stadt ernannt, eine Ehre die lediglich vier Sachsaer Bürgern zuteil wurde.

Ein Haus für die Palmen und den Gärtner...

Schulstraße 2

Plan zum Gärtnerhaus für Herrn Deibel Bad Sachsa

(1906, Bauamt der Stadt Bad Sachsa) 

ENTWURF: An der Stelle des 1906 erbauten Palmenhauses stand zuvor eine Mühle (gennant die Pabstsche oder auch Williges Mühle), die die Schulstraße verengte (mit dem Gebäude gegenüber, heutige Schulstraße 3, war dies um 1500 ein Ausgang aus der Stadt ohne Stadttor hin zur Wiese "auf der Gemeinde") und somit den aufstrebenden Tourismus und Autoverkehr um 1900 behinderte. Deshalb war der Rat hocherfreut, dass der millionenschwere Besitzer der Villa Deibel diese Mühle hinzukaufte, abreißen ließ und auf kleinerem Grundstück ein Winterquartier für seine wertvollen Pflanzen, insbesondere Palmen, errichten ließ, welches gleichzeitig als Wohnhaus für den Gärtner diente.
Park- und südseitig war die Fassade über zwei Stockwerke berglast, um im Winter genügend Raum und Licht für die im Sommer in großen Kübeln im Garten (heute Stadtpark) stehenden Palmen aufnehemen zu können. Noch bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts lief das Mühlrad, welches Deibel ehedem zur Stromerzeugung für die Heizung seiner empfindlichen Pflanzen einbauen ließ.

Plan zum Gärtnerhaus für Herrn Deibel Bad Sachsa

(1906, Bauamt der Stadt Bad Sachsa) 


Nachdem Louis Deibel sich 1929 von seinen Gebäuden und dem Stadtpark trennen mußte, er verkaufte seinen Besitz an die Stadt Bad Sachsa, diente dieses Gebäude u.a. den Nazis, die seit 1933 die Kreisleitung Südharz der N..S.D.A.P. im Adolf Hitler-Haus in der dann sogenannten Adolf Hitler Straße hierein setzten.
Nach dem Kriege diente das Haus über viele Jahre der Polizei (in dieser Zeit mussten das Mühlrad wie auch Teile der Stadtparkmauer einem Garagenbau weichen); später wurde es städtischer seits für das Forstamt sowie Ordnungsamt der Stadt Bad Sachsa genutzt, die im Mai 2017 in das ehemalige Postgebäude umzogen. Seit dem wartet dieses Haus wieder auf bessere Zeiten!

Schulstraße 2: Das Palmenhaus

(1921, Ölgemälde: Wintersport- + Heimatmuseum Bad Sachsa) 

Gut erkennbar ist die Verglasung über zwei Etagen sowohl an der Nord- wie auch der Ostseite des Gebäudes. So hatten die Palmen auch im Winter ausreichend Licht.
Unser Museum verdankt dieses Ölgemälde Susanne Schmidt-Escke (bekannt als Suse Schmidt-Eschke), die von ca. 1890 bis 1930 nachgewiesen werden kann. (Paul Pfister: Monogrammlexikon 2, Walter de Gruyer, 1995). Aus den Archivalien unserer Stadt Bad Sachsa geht hervor, daß sie als "Sprachlehrerin für Französisch und Englisch" an dem Töchterheim MARIA ERIKA, Waldsaumweg 15, vom Februar 1917 bis mindestens 1921 beschäftigt war. Zur Vorbildung heißt es: "gepr. in Dresden, Franz. Engl. Zeichen" (sic!). Einem Schreiben der Stadt Bad Sachsa an den Regierungspräsi-denten in Erfurt scheint dieser nicht recht geglaubt zu haben; er erwiderte: "Bezüglich der Befähigung der Genannten zum Unterricht in Zeichnen, Malen und Schnitzen sind die nötigen Nachweise bis zum 1. Juni d. Js. zu erbringen.". Man antwortete ihm: "Anliegend überreichen wir eine schriftliche Erklärung der Lehrerin Schmidt-Eschke nebst einer begl. Abschrift eines Zeugnisses... weitere Nachweise auch zur Verfügung stehen. Fräulein Schmidt-Eschke hat als Malerin bereits auf größeren Ausstellungen mit Erfolg ausgestellt und Auszeichnungen erhalten. Sie ist bereit, Arbeiten oder Skizzen zur Einsicht vorzulegen.". Das scheint dem Regierungspräsidenten dann genügt zu haben. (AStBS 1,26,2 Privatschulen).

 

Was für den Kaiser gut genug ist, kann für den Gärtner nicht schlecht sein....
Das Palmenhaus wurde nach dem Vorbild des 1898 errichteten Kaiserbahnhofes in Joachimsthal errichtet, der mit seinem nordischen Jugendstil bestens zur Villa Nora paßte. 

Zwei sehr ähnliche Gebäude - vermutlich zeichneten die selben Architekten verantwortlich! Oder war es nur eine Inspiration? oder ein Wunsch von Louis Deibel? Auffallend sind Ähnlichkeiten bei u.a. bei Dacheindeckung, Holzverkleidung, Fachwerk, Fenstergestaltung bis hin zu den Verzierungen mit nordischen Mythen. Eine genauere Untersuchung bietet sich an!

Palmenhaus, Schulstr. 2 in Bad Sachsa
"Plan zum Gärtnerwohnhaus für Herrn Deibel Bad Sachsa." gezeichnet von den Architekten Fastje & Schaumann 1906. (Bauamt Bad Sachsa)

Bahnhof Werbellinsee, 16247 Joachimsthal.
Im Volksmund genannt der Kaiserbahnhof Joachimsthal: Seit 1898 kam der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm ll., mindestens einmal jährlich zum Jagdaufenthalt in die Schorfheide. Der Kaiserbahnhof (auch Kaiserpavillion genannt) mit der dazugehörigen Bahnstrecke zählt, aus historischer Sicht, zu den bedeutendsten Bauwerken der Region.  Auf Anweisung von Kaiser Wilhelm ll. wurde der Bahnhof “Werbellinsee” errichtet und von 1898-1918 zur bequemen Anfahrt zum Jagdschloss “Hubertusstock” genutzt. Im gleichen Baustil lud auf dem Bahnhofvorplatz die Gaststätte “St. Hubertus” zum Verweilen und Genießen ein.
(https://zum-kaiserbahnhof.de/geschichte/)

Ein Haus für die Palmen und den Gärtner...

Zum Vergleich: Kaiserbahnhof

(1900, ohne Quelle) 

ENTWURF:

Kaiserbahnhof

Um von der Hauptstadt in die Schorfheide oder direkt nach Joachimsthal zu kommen, musste man in Britz (1842) bei Eberswalde auf die Kutsche umsteigen. Das galt sogar für den Kaiser. Mit dem Bau der Nebenstrecke Britz-Joachimsthal-Templin-Fürstenberg wurde es vor allem für die kaiserliche Reise zur Jagd wesentlich komfortabler. Hier nahe beim Werbellinsee errichtete man einen Bahnhof, den es so zwischen Berlin und der Schorfheide kein zweites Mal gibt. Dieser wurde im Jahr 1898 eingeweiht. Kaiser Wilhelm der II sorgte dafür, dass eine Bahnstation auch für den Hof und die Staatsgäste entstand. Diese Station erhielt den Namen Bahnhof Werbellinsee (der im Volksmund schon immer Kaiserbahnhof hieß).

Joachimsthal erhielt einen zweiten Bahnhof in der Stadt selber.

Der Kaiserbahnhof ist eine in Anlehnung an Schloss Hubertusstock im nordischen Landhausstil errichtete Anlage. Sie besteht aus dem in Sichtfachwerk erbauten Empfangsgebäude für den Kaiser (dem sogenannten Kaiserpavillon), dem Stationsgebäude, den Toilettenhäuschen und dem Hotel und Gasthaus St. Hubertus. Dieses Gasthaus brannte 1950 ab und ist durch einen Massivbau ersetzt worden und dient heute auch als Gaststätte. 

1914 war der Kaiser das letzte Mal hier. In den 20er und 30er Jahren war der Kaiserpavillon dann eine Ausflugsgaststätte, hauptsächlich für Berliner. Nach dem Krieg wurden hier Flüchtlinge untergebracht und Ende der 40er Jahre Dienstwohnungen für Bahnangestellte eingerichtet.

2004 kaufte die Stadt Joachimsthal den Kaiserbahnhof und begann ihn in mehreren Schritten zu sanieren.

Die Bauten sind weitgehend original erhalten. Trotz vorgenommener Einbauten ist auch die Empfangshalle mit ihrer Innenkonstruktion und den Farbfassungen bewahrt geblieben. Bisher sind weder der Architekt noch der Dekorationsmaler bekannt. Selbst das Bahnsteigmosaikpflaster aus dem Jahre 1898 ist nahezu unverändert.

Heute dient der Kaiserbahnhof als Kulturbahnhof und als beliebter Trauungsort. Er trägt den Namen " Erster Deutscher Hörspielbahnhof " seit 2006. Hier finden während der Sommermonate eine Hörspielsaison  mit einem abwechslungsreichen Programm für Kinder und Erwachsene, sowie Lesungen statt. Zwischen Ostern und September ist der historische Bahnhof von Freitag bis Sonntag für jedermann frei zugänglich, nur Führungen sind kostenpflichtig.

Das Stationsgebäude, wo früher die Fahrkarten verkauft wurden, hat der verstorbene Künstler Holger Barthel gekauft und es liebevoll restauriert. Leider ist die Galerie geschlossen.
 

(https://www.amt-joachimsthal.de/verzeichnis/visitenkarte.php?mandat=128568

2019-12-29)

Situation der Schulstr. Nr. 1 bis 4 in 1906

(StABS XII.n.16) 


Entwurf

Situation der Schulstr. Nr. 1 bis 4 in 1906

(1921, ) 

Entwurf

Von der Fabrikantenvilla zum Rathaus

Das heutige Rathaus ist eines der bemerkenswertesten Gebäude der Stadt, welches seine Entstehung dem Ruf Sachsas als Kurort mit guter Luft verdankt. Untrennbar verbunden mit dem Gebäude ist einer der größten Wohltäter der Stadt Bad Sachsa, der Unternehmer Louis Deibel.

 

Dass er einmal diese Rolle in Bad Sachsa spielen sollte, war Louis Deibel nicht in die Wiege gelegt worden. Diese stand inmitten des sich formenden Ruhrgebiets in Gelsenkirchen, wo er 1856 als Sohn eines Architekten geboren wurde. Seiner kränkelnden Frau wegen wurde ihm um die Jahrhundertwende in St. Petersburg, wohin es ihn schon in jungen Jahren verschlug und wo er mit Holzhandel reich wurde, ein Umzug nach Sachsa empfohlen. Sein Schwiegervater, der bayerische Bierfabrikant von Fleckinger aus München, erwarb 1901 für ihn das seit 1892 leer stehende Haus und Grundstück des Ziegeleibesitzers Carl Conventes. Das Haus ließ Deibel für sich und seine Familie bis 1905 zur nach seiner Tochter so benannten „Villa Nora“ umbauen (in der Zwischenzeit wohnte er im „Badehaus“ und dinierte im Hotel Schröder) und ergänzte diese 1906 durch die Anlage eines Parks, das hölzerne „Teehäuschen“ und das „Palmenhaus“, welches an der Stelle einer Mühle entstand. Der Umbau des Hauses zu einer Jugendstilvilla stand unter der Leitung der Architekten Fastje und Schaumann aus Hannover. Bis heute haben sich die Schnitzereien (außen wie innen), Bleiverglasungen und Ledertapeten in diesem äußerst sehenswerten, denkmalgeschützten Gebäude erhalten. Ein ausstattungstechnisches Juwel stellt der heute noch als Sitzungssaal genutzte frühere große Saal im Erdgeschoss dar. Bemerkenswert ist auch das hölzerne Eingangstor an der Bismarckstraße, und auch die 1906 fertig gestellte Mauer, die bis heute Teile des Grundstücks umzieht, sei nicht vergessen.   

 

Um Deibel, der über Verbindungen bis ins Kaiserhaus verfügte und oft „hohen Besuch“ empfing, und seine Familie (zeitweise samt russischem Kindermädchen) entfaltete sich ein reges gesellschaftliches Leben. Der Unterhalt beider Häuser und des Parks erforderte aber auch viel Personal. Geld war – noch – vorhanden: Zur Hochzeit der Tochter wurde, wie man in Bad Sachsa erzählt, das Essen aus dem Hotel Adlon in Berlin herbeigeschafft… Deibel kaufte eine Ziegelei in Nordhausen, brachte Kapital in die hiesige Gipsindustrie ein, erwies sich in vielfältiger Weise als Wohltäter für die Stadt und ihre Bürger, engagierte sich auch kommunalpolitisch und wurde 1929 zum „Stadtältesten“) ernannt. Mit der Wohltäterschaft war es freilich schon 1928 vorbei, denn sein Unternehmen geriet in einen von ihm selbst nicht verschuldeten Konkurs. Er musste die „Villa Nora“ mit Palmenhaus und Park an die Stadt verkaufen, die es seit 1929 als Rathaus nutzt, während im Palmenhaus später das Bauamt und das städtische Forstamt residierten. Aus dem Park der Villa wurde der Stadtpark. Der Heimatbrunnen mit dem „Urschmerl“ wurde hier erst 1962 errichtet.

   

Louis Deibel blieb in Bad Sachsa, wohnte zuletzt allerdings in sehr bescheidenen Verhältnissen in der Ringstraße, wo er 1933 auch verstarb. Die Stadt machte ihn 1933 posthum zum Ehrenbürger und ehrte ihn darüber hinaus 1936 mit einem Gedenkstein im von ihm angelegten Stadtpark.

Wohnhaus - Töchterschule - Privatvilla - Rathaus - Museum...?

08.04.1929, Brief an die Stadt Bad Sachsa von "Albinmüller" ("Ankauf und Einrichtung des neuen Rathauses", StABS I,17,4 vol. 2).

Der Jugendstil-Architekt Prof. Albin Müller (sign. "Albinmüller") plante um 1929 einen Anbau, der aber nicht zur Ausführung gelangte.

Luis Deibel

(Foto: Nachlaß "Deibel", StABS bisher ohne Nr.) 

Der heutige Stadtpark

(1908, AK: Slg. R. Boehm 1027)